546 Die blutige Eröffnung des Muttermundes.
Besonders zeigt sich deren Nutzen bei einer Narbe am äusserenMuttermund. Wenn die stärksten Wehen das Hinderniss nicht über-winden können, genügt eine kleine Incision oder ein oberflächlicherEinriss mit dem Finger, um augenblicklich die grösstmögliche Eröffnungzu gestatten. Es reisst dabei die Incision noch etwas weiter, aber ohnebei der stark gestreckten Cervix grössere Gelasse zu erreichen und da-durch gefährlich zu werden.
Die Incisionen sind angezeigt bei jeder Form von Rigidität desMuttermundes.
Unter dem Bild der Krampfwehen werden wir nochmals einerUnnachgiebigkeit des Muttermundes zu erwähnen haben, die aber ihrenGrund nicht in einer organischen Veränderung hat, obschon die Be-zeichnung „Strictur des Muttermundes", die man dem Zustand gibt rdarauf schliessen Hesse, sondern durch eine krampfhafte Zusammen-ziehung entsteht, also besser „Contractur" heissen sollte. Auch indiesen Fällen würden nach den oben aufgestellten allgemeinen Grund-sätzen die Einschnitte anzuwenden sein. Wir halten sie dabei für nütz-lich und stehen mit diesem Rath keineswegs allein. Die hauptsächlicheBehandlung der Krampfwehen besteht freilich nicht in den Incisionen,.sondern in dem reizmildernden, beruhigenden Verfahren durch Nar-cotica etc. (vergl. „Krampfwehen").
Ausführung: Am besten sind diese Einschnitte zu machen miteinem gedeckten Messer. Brauchbar ist z. B. ein Pott'sches Bruch-messer, das unter Führung eines Fingers an den Muttermund gebrachtwird und durch Andrücken der Schneide die Incision in der nöthigenTiefe macht. Das becruemste Instrument von allen ist aber dasSimpson'sche, nur nach einer Seite schneidende Metrotom. Es ge-nügt 5—8 mm einzuschneiden. Besser ist es, mehrere seichte Incisionenzu machen. Die Gefahr, dass beim Weiterreissen ein grösseres Gefässgetroffen wird, ist dann geringer. Natürlich kann man an jedem lang-gestielten Bistouri durch Umwickeln mit Heftpflaster die Deckung fürden gegebenen Fall anbringen oder die Einschnitte durch lange in derFläche abgebogene Scheeren (lange Cooper'sche Seh.) machen. DasQuerbett ist dazu nothwendig.
In den Fällen, wo Incisionen wirklich indicirt waren, entstehenin der Regel keine erheblichen Blutungen — der Saum ist gespannt,der vorliegende Theil wird fest gegen den eingeschnittenen Rand ge-presst und deswegen kann aus ihm, besonders auch wegen der ge-ringen Tiefe, keine Blutung entstehen.
Historische Notizen. Da aus früherer Zeit Fälle von vollständig ver-schlossenem Muttermund bekannt sind, müssen auch Eingriffe mit schneidendenInstrumenten schon lange gemacht worden sein.
Gegen Ende des letzten Jahrhunderts wurde die Operation häufig ausgeführt,und die Erfolge zeigten, dass die dagegen erhobenen theoretischen Bedenken hin-fällig waren. Die Hauptsorge bildete immer die Entzündung der Gebärmutter,Blutungen und das Weiterreissen. Die erstere dieser Gefahren brauchen wir heutenicht mehr so zu fürchten, weil wir die Bedingungen derselben kennen und ver-meiden können. Die Gefahr der zweiten ist aus den oben gegebenen Gründen bei