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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
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544
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544 Die manuelle Erweiterung des Muttermundes.

Wir empfehlen also für die künstliche Eröffnung desMuttermundes die grösstmögliche Zurückhaltung. Nur da, wodie Aufgabe des Geburtshelfers sich darauf beschränkt, den mehr oderweniger erweiterten äusseren Muttermund auszudehnen undfür das Kind durchgängig zumachen, halten wir dieses Verfahrenfür zulässig.

Die Schwierigkeiten sind selbst bei dieser Einschränkung noch gross genug,und verdient das Verfahren mit vollstem Recht das unheimliche Grauen, das mansonst vor dem Accouchement force empfindet. Die Lachapelle hielt das Ver-fahren für vollkommen entbehrlich. Sie sah es als einen grossen Fortschritt an,wenn dasselbe ganz aufgegeben würde. Es sind auch die Dehnungen des Mutter-mundes in neuerer Zeit durch die Einführung der combinirten Wendungentbehrlich geworden.

Natürlich kommt auf die Dehnbarkeit des Muttermundesviel an.

Wie kann man diese beurtheilen ? Zunächst besteht ein Unterschied zwischendem Muttermund einer Erst- und dem einer Mchrgeschwängerten. Bei der letzterenist viel mehr zu wagen und eher auf Erfolg zu rechnen. Ohne Bedenken kannman auch einen Muttermund erweitem und auf dessen ausgiebigste Dehnbarkeitrechnen, wenn während des betr. Geburtsverlaufes dessen Eröffnung schon einmalnahezu vollständig war. Wo der Geburtshelfer eine Entbindung von Anfang anleitet und Gelegenheit hat, die vollständige Eröffnung des Muttermundes beimBlasensprung zu beobachten, wird er sich immer auf die Dehnbarkeit verlassenkönnen, auch wenn später, wie dies in der That beim engen Becken geschehenkann, der Muttermund wieder zusammenfällt. In seltenen Fällen hilft sogar dieAnamnese auf die DiagnoseDehnbarkeit", wenn nämlich die Blase beim Springenvor die äusseren Genitalien trat. Gewöhnlich geschieht dies dadurch, dass dasChorion reisst und das Amnion sich ausstülpt es ist aber ein ziemlich sicheresZeichen, dass der Muttermund im Augenblick des Blasensprunges nahezu vollständigeröffnet war. Die Dehnbarkeit ist grösser bei Placenta praevia, wohl im Zu-sammenhang mit der stärkeren Auflockerung und Durchfeuchtung des ganzen un-teren Gebärmutterabschnittes, so dass hier, selbst bei einem noch ziemlich breitenSaum, das Kind ohne Schaden ohne Einrisse zu machen durchgezogen wer-den kann.

Zu vermeiden ist jede künstliche Eröffnung nach dieser oder jener Methode,wenn die Gebärmutter schon vor der Entbindung entzündlich erkrankt war.

Die Ausführung. Wir wollen hiebei nur Rücksicht nehmenauf die Erweiterung als Vorbereitung zur Entbindung. Man hat früherInstrumente benützt, die in ihrer Wirkung mit zwei- und dreiblätterigenScheidenspecula zu vergleichen sind. Solche Instrumente sind durchausverwerflich.

Zur manuellen Erweiterung werden zuerst die Spitzen zweierFinger durch den Muttermund geführt und damit gedehnt. Bei einerso geringen Eröffnung, dass nicht von vornherein 2 Finger durchzu-bringen wären, soll überhaupt nichts unternommen werden. Haben die2 Finger etwas erweitert, so werden Ringfinger und später die übrigenvorsichtig nachgeschoben und durch Drehen des Handrückens gegendas Kreuzbein die Oeffnung vergrössert.

Die Operation soll ausgeführt werden, um nachher dem Kind denDurchgang zu ermöglichen in Fällen, wo nur die vollständige Entbin-