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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
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530
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530 Die Geisteskrankheiten der Wöchnerinnen.

anlagung des Individuums zu beurtheilen. Sofern keine bestimmtenAnhaltspunkte für eine böse, verbrecherische Absicht aus der Zeit derSchwangerschaft vorliegen, verdienen manche verbrecherischen Hand-lungen während der Geburt vollauf die Rücksichtnahme, welche ihnenheute von Gesetzgebern und Richtern gewährt werden. Man erlebtauch da, wo jede Absicht eines Verbrechens ausgeschlossen ist, wo dieBetreffenden sich in Gebäranstalten begeben haben, alle Stadien vonder resignirten Duldung und Ueberwindung der Schmerzen bis zumwahnsinnigsten Gebahren und förmlichen Toben mit Beissen, Schlagenund Brüllen. Nachher sind die Betreffenden aufs äusserste erschöpft,,wissen noch ungefähr, dass sie fürchterliche Schmerzen litten, aberdie Einzelheiten ihres Gebahrens absolut nicht mehr. Im Privathaus-geräth alles ausser Fassung, in Anstalten wird man an dergleichengewöhnt, hindert die Aufgeregten, sich oder anderen Schaden zubringen, bleibt jedoch ganz unbesorgt, weil dies nichts schlimmes be-deutet. Wenn aber eine allein Gebärende von Schmerzen so über-wältigt wird, so kann sie für ihre Handlungen nicht verantwortlich ge-macht werden.

Das sind jedoch keine eigentlichen Geisteskrankheiten, ebenso-wenig als wir die Fieberdelirien oder die vorübergehende, aber ganz,hochgradige Aufregung, die wir wiederholt nach Verabreichung vonNatron salicylicum sahen, als Geisteskrankheiten bezeichnen können.

Die wirklichen Psychosen kommen in Begleitung oder im Anschlussan die puerperalen Vorgänge häufig vor. Die Zusammenstellungenverschiedener Psychiater ergaben unter den geisteskranken Frauen121417°/o. Aber eine verlässliche Statistik über die Frequenz unterden Gebärenden existirt nicht. Die grosse Mehrzahl der Erkrankungenkommt in den ersten 1012 Tagen des Wochenbettes zum Ausbruch,ein kleinerer Theil erst mit 56 Wochen.

Weder Erblichkeit, noch sonstige individuelle Disposition scheineneine grössere Rolle zu spielen als sonst. So ziemlich 2 / 3 waren kör-perlich und geistig vollkommen gesund. Vom schädlichsten Einflusssind starke Schwächungen des Körpers durch Blutungen, Milchfluss unddas Stillen von Seiten ganz entkräfteter Wöchnerinnen.

Die einzelnen Formen der Geistesstörung sind Puerperalmanie,das hallucinatorische Irresein und die Puerperalmelancholie.

Sehr häufig findet sich bei Maniakalischen Eiweiss im Urin, sicher-lich nur in Folge der übermässigen Muskelanstrengungen. Dies er-klärt die Albuminurie ausreichend, man braucht nach keiner anderenUrsache zu suchen.

Die Prognose ist, dass etwa 2 /ä der Erkrankten in kürzereroder längerer Frist wieder genesen, und zwar scheint die Manie diegünstigste, das hallucinatorische Irresein die schlechteste Aussicht zugeben.

Die Behandlung hat die schwächenden Einflüsse, so besonders dieMilchsecretion zu beseitigen und beruhigend auf den Organismus zuwirken. Auf den Kopf kommt, wenn man dies kann, eine Eiskappe,