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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
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506
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506 Specielle Symptomatologie.

Bedingung voraus, dass die Temperatur mit zuverlässigen Thermometernund in kurzen Zwischenräumen Tag und Nacht gemessen werde. Esgiht Erkrankungen, und dies sind gerade die allerschlimmsten, wo dieKörperwärme nicht sehr hoch, oder plötzlich in die Höhe schnellend,ebenso plötzlich wieder sinken kann. So günstig im allgemeinenein Sinken der Körperwärme ist, so ist es in solchen Fällen trüge-risch. Gegen den Irrthum schützt das Verhalten des Pulses. Pro-gnostisch gut ist nur das Sinken der Temperatur mit normaler Puls-frequenz.

Es kommt sehr viel darauf an, wann das Fieber auftritt. Amersten oder zweiten Tage des Wochenbettes ist jedes Fieber sehr ernst,ein sehr bedenkliches Zeichen, ausgenommen natürlich in Fällen, woes nachweislich eine andere, unschuldige Ursache hat. Je später imWochenbett das Fieber einsetzt, um so ungefährlicher pflegtes zu sein. Man hat vollauf Recht, die Prognose günstig zu stellen,wenn die ersten 6 Tage vollkommen fieberfrei verlaufen sind, unddarunter sind wiederum der 3. und 4. Schicksalstage. Was an Fiebernach dem 6. Tag auftritt, ist, schleichend verlaufende Phlebitis aus-genommen, in der Regel nicht mehr lebensgefährlich.

Die Höhe und die Begleiterscheinungen des Fiebers sind ausser-ordentlich verschieden. In den ersten Tagen nach der Geburt ist seltendie Temperatur mehr als 38° C. bis 38,8°. Zählt der Puls über 110bis 120, so ist selbst 37,8° C. von äusserst schlechter Prognose. Sehrhäufig schnellt die Temperatur während eines Schüttelfrostes plötzlichum mehrere Grade in die Höhe und misst eine Kranke, die vorhernichts ungewöhnliches bemerken liess, während oder nach dem Frost40 41° C. Das regelmässige ist es nicht, dass der Schüttelfrostohne Vorboten kommt. Aber die unbedeutenden Erhöhungen sind voll-ständig übersehen worden, weil auch heute noch im Privathaus Tem-peraturmessungen keineswegs regelmässig gemacht werden.

Welche Bedeutung kommt dem Schüttelfrost zu? Derselbe istaufzufassen als Ausdruck besonderer Erregungen des Nervensystems,wahrscheinlich der vasomotorischen Nerven, hervorgerufen durch grosseUnterschiede zwischen der Wärme des Körperinnern und der äusse-ren Haut und der Körperoberfläche. Die innere Wärme wäre bedingtdurch die relativ rasche Anhäufung oder Ueberschwemmung vonfiebererregenden Stoffen. Wir können schliessen, dass z. B. bei derphlebitisch-thrombotischen Form, bei der die häufig wiederkehrendenSchüttelfröste characteristisch sind, das Blut jedesmal mit grösserenQuantitäten zerfallener Blutpfröpfe, also mit Eiter und Detritus über-schwemmt werde.

Der Schüttelfrost ist, wenn er nicht unmittelbar nach der Geburterfolgt, wo er gar keine Bedeutung hat, stets eine unangenehme Er-scheinung, die in schlechtem Rufe steht, weil sie häufig die schwerstenFormen von Puerperalfieber einleitet. Doch gibt es genug Schüttel-fröste, welche nur als Schreckschuss wirken und an dem rasch dar-auf folgenden Nachlass des Fiebers als ungefährlich erkannt werden.