Druckschrift 
Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
494
Einzelbild herunterladen
 

494 Beginn und Verlauf der Ansteckung. ,

auf, und bald stellen sich Schmerzen in der Hand und den Arm hinaufein. Gewöhnlich sieht man die rothen Streifen der entzündeten Lymph-gefässe dicht unter der Haut verlaufen, die Achseldrüsen schwellen,Fieber eventuell Schüttelfröste treten auf.

Am Finger können wir schrittweise das Vordringen der Ansteckungs-keime verfolgen.

Uebertragen wir diese Erfahrungen der Wundinfection am Fingerauf die puerperalen Genitalien, so haben wir ganz analoge, aber be-deutend ernstere, prognostisch ungünstigere Verhältnisse.

Erstens sind die Wundflächen grösser, es ist stets viel todtesGawebe als Nährboden für die Coccen und Bacterien vorhanden, dieLymphgefässe haben die grösste Entwicklung und sehr oft sind weitklaffende Bindegewebsspalten vorhanden.

Wenn auch die Uteruslochien der gesunden Wöchnerinstets keimfrei sind, so kommen doch genug Keime in derVagina vor, pathogene und irrelevante. Es muss auch so nochwunderbar erscheinen, dass bei der Nähe der bösartigen Keime dieWöchnerinnen in der Regel der Einwanderung derselben in den Uterusentgehen. Es ist dies nach den bisherigen Erfahrungen nur erklärlichdurch den Flüssigkeitsstrom und durch eine baldige Veränderung derUterusschleimhaut, die sie gegen Infection widerstandsfähig macht.

Bei der offenen Wundbehandlung ist es ähnlich. Eine frischeAmputationswunde liefert erst noch durch eine Saftströmung nach aussenSecret, fast reines Blut. Dann bildet sich beim Nachlass der Absonde-rung durch Eintrocknung und Gerinnung eine Kruste und unter dieserschützenden Hülle beginnt die Granulationsbildung.

Trotzdem hiebei die Wunden die ganze Zeit der freien Luft derKrankenzimmer und all ihrem Staub ausgesetzt wurden, heilten dieWunden meist sehr gut und ohne Fieber. Nur Stauung von Secret,besonders von Blut, das immer im Körper zurückgehalte a Umsetzungenmacht, die giftige Substanzen erzeugen können, macht Fieber und inder Folge leicht schwere Allgemeinerkrankungen.

Auch diese Erfahrungen können wir wieder auf Deutung undErklärung der Wochenbettserkrankungen anwenden. Trotzdem auchim Genitalkanal wie bei den. offen behandelten Wunden dem Zutrittder Keime aus der Luft die Wege offen stehen und in der That so-wohl im Wundsecret aus offen behandelten Wunden, genau so wie imWochenfiuss der Scheide massenhaft Coccen und Bacterien wimmeln,entsteht ohne Secretverhaltung, besonders Zurückbleiben von Blut-gerinnseln kein Fieber, keine Allgemeinerkrankung, keine Ansteckung.

Von Spontaninfectioii x ) (Vonselbstangestecktsein oder Ansteckungvon selbst) kann eigentlich nur gesprochen werden, wenn dieKeime der Zersetzung von selbst den Weg zu dem Nährboden inden Genitalien gefunden haben und nicht hinzugetragen wurden.

] ) Ich vermeide principiell das WortSelbstinfection", weil das Wortselbst"doch eigentlich immer auf die Wöchnerin bezogen werden muss.