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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
493
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Beginn und Verlauf der Ansteckung. 4-93

Aber es fehlte den Aerzten der Zusammenhang der Krankheit mit der Infectionso sehr, dass nicht etwa nur an einer, sondern an vielen deutschen Universitätenbeim Wechsel der Fächer nach der Anciennität Anatomie und Geburtshülfe vondemselben Professor gelehrt und practisch ausgeübt wurde.

Das Puerperalfieber -war seit dem Bestehen der Gebäranstalten eine Plage,ebenso die localen verheerenden Epidemieen. Die Aerzte grübelten unausgesetztan der Ursache. Davon legen die Schriften von Eisenmann und Silberschmidt,in denen die sämintlichen Theorieen niedergelegt sind, Zeugniss ab. Die gang-barste Anschauung war die eines miasmatischen essentiellen Fiebers, d. h. einerKrankheit sui generis wie Nervenfieber und entstanden auf ähnliche Weise wie dieseKrankheit durch ein unbestimmbares flüchtiges Etwas in der Atmosphäre.

Der Ausspruch des grossen Pathologen Cruveilhier, dass die Wöchnerinals eine Verwundete zu betrachten sei, welche durch ein im Hospital entstandenesMiasma erkranken könne, blieb ohne Einfluss auf die Anschauungen der Aerzte.

In diese verschwommenen Theorieen brachte auf einmal Semmelweiss einneues Licht. Mit einem Anflug von Spott schrieben Referentenvon der puer-peralen Sonne, welche im Jahr 1847 in Wien aufging"^ durch die aber trotz desgrossen Buches die Welt noch nicht erleuchtet werde. Semmelweiss' ist fürSpott und Anfechtungen gerächt, seine Spötter sind beschämt worden. Er selbsthatte oft bei Lebzeiten seine Entdeckung mit derjenigen Jenner's, dieses grossenWohlthäters des Menschengeschlechtes, verglichen, und er hat vollkommen Rechtbehalten.

Semmelweiss wirkte mit seiner Lehre wie ein Hecht im Karpfenteiche.Mit dem Ausspruch, dass das Puerperalfieber durchweg eine vermeidbare Krank-heit sei, welche auf Uebertragung einer zersetzten organischen Materie erst ent-stehe, zerstörte er in unbarmherziger Weise die Gemüthsruhe der Geburtshelfer.Die Gelassenheit über die Epidemieen, die sich mit den natürlichen Gesetzendergöttlichen Absterbeordnung" tröstete, wurde schonungslos aufgerüttelt. Alles fingan zu desinficiren, und der Erfolg ist heute, dass ein Zweifeln an der Richtigkeitder Uebertragung ebenso viel Spott ernten würde, als Semmelweiss seinerzeitan Spott zu leiden hatte.

Grosse Verdienste um die Anerkennung von Semmelweiss' Lehre erwarbsieh besonders Hirsch in seinem Handbuch der historisch-geographischen Pathologie.

Der Beginn der Ansteckung und die Art der Uebertragung.

Wenn wir die Art und Weise der Ansteckung recht anschaulichmachen wollen, so erleichtert ein Beispiel an anderer Körperstelle dieAufklärung mancher Frage.

Nehmen wir an, dass die Wunde, welche den Ansteckungskeimenals Eingangspforte dient, an einem Finger sei, z. B. ein Schnitt. Wirhaben ,zu diesem Vergleich das vollste Recht, da ja auch Semmel-weiss durch die Leichenvergiftung des Professor Kolletschka aufdie wahre Natur des Kindbettfiebers aufmerksam wurde. Kommen An-steckungsstoffe in einen Schnitt am Finger, so entzünden sich dieSchnittränder, schwellen an, zeigen oft einen weisslich belegten Rand.Bis auf die ietztere Erscheinung verläuft jedoch die Wundheilung beieinem ganz unschuldigen Schnittchen ebenso. Erst der weisse Belag,ein Zeichen, dass absterbendes Gewebe im Schnitt liegt, macht einenUnterschied vom gewöhnlichen Verlauf. Beim Weitergreifen der Ent-zündung tritt in grösserem Umkreis eine blassrothe Färbung der Haut