492 Allgemeine Pathologie des Puerperalfiebers.
und eine Allgemeinkrankheit wachgerufen werde, so muss diese Lehreverworfen, die Möglichkeit verneint werden.
Dagegen lässt sich nicht leugnen, dass jedesmal in den gedrücktenund gerissenen Geweben-während der Heilung Vorgänge ablaufen, welcheeiner localen Entzündung analog sind und dass Geburten mit grossemTrauma eine bedeutend schlechtere Prognose, einen 'höheren Satz vonAllgemeinerkrankungen geben. Diese Thatsache erklärt sich ohneZwang dadurch, dass mehr Nährmaterial für die Keimung der Coccendurch das schwere Trauma entstanden ist.
Die Beobachtung endlich, dass die fieberhaften Wochenbetts-erkrankungen zu gewissen Zeiten des Jahres, besonders in den nass-kalten Wintermonaten häufiger vorkommen, als zur Sommerszeit, istdurch die mycotische Auffassung der Infectionsstoffe ebenfalls erklär-lich. Diese Beobachtung ist nicht allein in den Entbindungsanstalten,insbesondere den Kliniken zu machen, sondern auch in den Privat-häusern. In den geburtshülflichen Kliniken könnte man versucht sein,diesen Unterschied auf den vermehrten Besuch von Studenten, auf diehäufigere Arbeit mit Leichentheilen u. dergl. während des Winters zuschieben. Nach den Einrichtungen auf deutschen Universitäten ist diesvon vornherein nicht zutreffend, speciell für die hiesigen Verhältnissekann ich versichern, dass die Unterstützung seitens der Studirenden,durch strenge Antisepsis das Puerperalfieber zu vermeiden, im Winterso gross ist als im Sommer, die Gefahr durch Arbeit mit Leichen ge-fährlich zu werden im Gegentheil im Sommersemester durch den chi-rurgischen Operationscurs weit grösser wäre. Trotzdem bietet der Sommerdurchweg den besten, die feuchte Winterwitterung den schlechtestenGesundheitsstand. Sicher ist das nicht als Beweis für das alte ab-gethane Miasma zu verwerthen, wohl aber eine Erfahrung, die es wahr-scheinlich machti dass Feuchtigkeit und beschränkte Erneuerung derLuft in den Krankenräumen — selbst in den bestventilirten — derVermehrung der Microorganismen Vorschub leistet, durch Trockenheitihnen hauptsächlich die Möglichkeit zur Vermehrung entzogen wird.Es ist eine Auffassung, welche ein Analogon bildet zu Koch's Er-klärung über die verschiedene Häufigkeit der Cholera im Sommer undWinter. Koch betonte, dass hauptsächlich die Austrocknung, nichtaber die Feuchtigkeit die Cholerakeime zu vernichten vermöge.
Historisches. In der Geschichte der Medicin hört man von dem Kind-bettfieber erst seit der Gründung der Gebäranstalten. Sicher kam dasselbe schonfrüher vor. Aber bei dem Mangel von Leichenuntersuchungen und dem verein-zelten Auftreten entging die Krankheit der Beachtung der Aerzte. VereinzelteBeschreibungen finden sich schon bei den ältesten medicinischen SchriftstellernHippokrates, Galen, Celsus, Avicenna u. A.
In der Gründung von Anstalten gingen die Franzosen den anderen Nationenvoran und errichteten im Hotel Dieu eine eigene geburtshülfliche Abtheilung. Ausdieser erzählt Pen, dass oft die Sterblichkeit sehr gross gewesen sei, besondersim Jahre 1664. Die Berichte von grossen Epidemieen hören nun nicht mehr auf.Die Zahlen, um die es sich handelt, müssen heute ein Grauen erregen, wenn manbedenkt, dass die grosse Mehrzahl dieser Todesfälle vermieden werden konnte.