Druckschrift 
Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
482
Einzelbild herunterladen
 

482 Vorfall und Umschlingung der Nabelschnur.

5) Vorfall, eventuell Umschlingung der Nabelschnur.

Jeder Druck auf den Nabelstrang, der stark genug ist, die Circu-lation in den Nabelgefässen zu stören oder zu unterbrechen, bringt dasKind in die höchste Todesgefahr. Demnach wird der Nabelschnur-vorfall nur dann gefährlich, wenn unter gegebenen Verhältnissen einDruck eintritt.

Die Veranlassung zum Nabelschnurvorfall müssen wir haupt-sächlich in einer mangelhaften Ausfüllung des unteren Uterin-segmentes durch den vorliegenden Kindestheil suchen. Dementsprechend kommt der Vorfall des Nabelstranges auch am häufigstenvor bei Schulterlagen und Fusslagen. Die Gefahr beginnt aber erstdann, wenn der vorliegende Theil in das untere Uterinsegmentund in das kleine Becken eintritt. Bei Schulterlagen kann alsodie Nabelschnur lange Zeit in der Scheide liegen, ohne gedrückt zuwerden. Bei Beckenendlagen wird meistens schon beim Tiefertreten desSteisses ein Druck ausgeübt, aber die Geburt sollte von diesem Zeit-punkt an niemals mehr lange dauern. Am gefährlichsten ist dem-nach der Nabelschnurvorfall bei Schädellagen.

Gewöhnlich handelt es sich dabei um ein plattes Becken. Beim Blasen-sprung wird durch das abfiiessende Fruchtwasser die Nabelschnur hinten über eineSymphysis sacro-iliaca hinuntergeschwemmt. So lange der Kopf noch über demBeckeneingang bleibt, geht die Circulation unbehelligt weiter. Aber in demMoment, wo der Kopf in die Beckenhöhle eintritt, muss bei normalen räumlichenVerhältnissen ein so starker Druck auf den Strang eintreten, dass jede Circulationaufhört.

Gewöhnlich, haben wir gesagt, kommt der Nabelschnurvorfall erst beimBlasensprung zu Stande und dieser letztere erfolgt nur ausnahmsweise bei einergeringen Eröffnung des Muttermundes. Doch kommt diese Ausnahme vor und wirktdann bestimmend ein auf den Modus des operativen Verfahrens.

Das Ziel eines jeden Eingriffes bei Nabelschnurvorfall muss darinbestehen, den Druck und damit die Störung der Placentar-respiration zu beseitigen oder so bald wie möglich denFötus der atmosphärischen Athmung zu übermitteln.

Den Druck auf den Nabelstrang beseitigt man durch die Re-position desselben oder durch das Zurückbringen des com-primirenden Kindestheiles (die Wendung). Die Vollendungder Geburt ist nur dann ein richtiges Verfahren, wenn es sehr raschund ohne eine erhebliche Störung der Placentarathmung möglich ist.Dies ist der Fall bei Vornahme der Wendung und sofortigem An-schliessen der Extraction: wenn das Kind leicht beweglich ist, derGeburtshelfer sofort nach dem Fruchtwasserabfiuss zur Operation schrei-ten kann und besonders, wenn der Muttermund vollständig er-öffnet oder dehnbar ist. Ein unvollständig eröffneter Muttermundsetzt bei Vornahme der Extraction den Fötus immer der Gefahr desErstickens aus, weil er die Armlösung und den Durchgang des Kopfeserschwert und verzögert. Deswegen lasse man in jedem Falleiner unvollkommenen Eröffnung den Eingriff nach Voll-