474 Die Behandlung der Eklampsie.
erklärt. Natürlich verwässert ein starker Aderlass das Blut noch mehr,erhöht also nach diesen Autoren die Disposition zu neuen eklampti-schen Anfällen (vergl. unter den Literaturangaben E. Thomas).
Wir haben aber schon oben auseinandergesetzt, wie wenig Anhaltdie Traube'sche Theorie habe, wie viel Gründe dagegen sprechen.Wenn man gegen die Blutentziehungen principiell Opposition machenwill, weil man bei einer Kreissenden nie weiss, wie viel Blut sie nochbraucht, so ist dies ein Standpunkt, gegen den man nichts einwenden kann.
Wer so 'denkt, wird nie wegen der Eklampsie als solcher dieVenäsection machen, sondern nur wegen der verschiedenen Symptome,die in ihrem Gefolge auftreten: also wegen des Lungenödems, wegendes Trachealrasselns, wegen der Cyanose, wegen des äusserst gespann-ten Pulses.
Das zweite Verfahren, das allgemein angenommen wurde, ist dieVerabreichung von Narcotica, speciell die Chloroformnarkose.Chloroform setzt den Blutdruck bedeutend herab und beruhigt dasganze Nervensystem. Dasselbe muss aber in vollen Zügen gereichtwerden, damit die Narkose bald vollkommen wird. Dazu machtSpiegelberg aufmerksam, dass die Chloroformnarkose nicht unmittel-bar auf die Blutentziehung gemacht werden dürfe, weil sonst die Blut-druckverminderung zu stark werden und plötzlicher Tod eintreten könnte.
Auch das Chloroform hat seine bestimmte Anwendungsweise, undhat seine Grenzen. Man spart gern damit, gibt den Korb oder dasTaschentuch nur im Beginn der Anfälle vor das Gesicht, und erhältdie Gebärende die übrige Zeit in einem leichten Halbschlummer. Manwird das Chloroform nicht weiter riechen lassen, wenn augenscheinlichder Puls klein, der Blutdruck niedrig ist. Nach der Zeitdauer ist esschwer zu bestimmen, ob man das Chloroform noch fortsetzen könneoder nicht. Jedenfalls wird man aber, namentlich wenn die Geburtvorübergegangen ist, den Versuch machen, das Chloroform durch andereNarcotica zu ersetzen. Wir haben selbst schon mit gutem Erfolg biszu 12 Stunden chloroformirt.
Neben dem Chloroform und den anderen Anaestheticis rangirtMorphium. Morphium und Säuren waren vor der Empfehlung desChloroforms die gewöhnliche medicamentöse Behandlung. Und sie ver-dienen auch jetzt noch gebraucht zu werden als Ersatz des Chloroforms,wenn die Anfälle seltener geworden sind. Vorausgesetzt ist dabei, dassdie Kranke schlucken kann. Sonst gibt man das Morphium (0,015bis 0,03 pro dosi) öfters wiederholt subcutan und Chloral per Clysma(3 pr. d. oder subcutan 3—4 Spritzen einer Lösung von 5 : 5 aq.).Auch Bromkalium und schliesslich alle anderen Narcotica können ge-geben werden. In neuerer Zeit war das Pilocarpin gegen Eklampsiewarm empfohlen worden (Langlet, Fehling, Kleinwächter,Sänger u. A.). Gegeben wurde Pilocarpin subcutan in Dosen von 0,02 g(Pilocarpini hydrochlor. 0,10, aq. dest. 5,0; davon eine Spritze 0,02).Auch für das Pilocarpin- bestand kurze Zeit hindurch ein gewisserEnthusiasmus. Bald kam die Einschränkung, dass Pilocarpin nur ge-