472 Die Erklärung der Eklampsie.
Liegt das Hindemiss der Ausscheidung in der Niere, so bleibtdie Erklärung selbstredend dieselbe. Der Harn vergiftet,im Organismus zurückgehalten, die Nervencentren und schaffteine erhöhte Reflexerregbarkeit. Die Wehen geben das In-citament zum Ausbruch der Convulsionen und des Coma(vasomotorische Reflexneurose). Durch das Zusammentreffen einerHarnretention (wahrscheinlich keiner so vollständigen wie bei Ur-ämie) und der Uteruscontractionen käme das besondere Krank-heitsbild zu Stande.
Damit kann ohne Zwang erklärt werden, dass Nierenkranke,wenn das Secretionsgebiet der Niere nicht sehr eingeschränkt ist, ohneEklampsie durchkommen können, dass ferner oft bei eklamptischenLeichen keine Bright'sche Niere zu finden ist, auch kein Albumin imHarn nachweisbar war, endlich, dass die Convulsionen auch in derSchwangerschaft möglich sind, ja dass es Fälle geben kann, wo dieCompression so anhaltend und hochgradig ist, dass sie zur Urämie imengeren Sinn des Wortes führt.
Die Erklärung der Eklampsie hat ihre eigene Geschichte. Die erste Be-obachtung, die ein neues Licht in das Dunkel dieser Krankheit warf, war derNachweis von Eiweiss im Urin Eldamptischer (J. C. W. Lever 1 ), Devilliers undRegnault 2 ). Dies führte auf die Vermuthung, dass alle Eklamptischen nieren-krank seien und deswegen die Krampfanfälle bekommen. Die Bedeutung derAlbuminurie wurde übrigens von Litzmann bald klar gestellt. Es ergab sichdas relativ häufige Vorkommen von Eiweiss im Urin Schwangerer. Als Ursachedafür wurde die mechanische Stauung des Blutlaufes in den Nieren angenommen.Diese Erklärung lief also auf Identität mit Urämie hinaus.
Bei dieser Annahme, dass Eklampsie und Urämie in der Mehrzahl der Fälleaus gleicher Ursache entstehen, waren die Forschungsergebnisse über Urämie auchohne weiteres übertragbar auf die Eklampsie.
DaFrerichs bei Urämie keinen Harnstoff im Blute finden konnte, nahmer eine Umsetzung desselben in kohlensaures Ammoniak an unterder Einwirkung eines unbekannten und unbestimmbaren Fermentes. Die Vergiftungdurch kohlensaures Ammoniak sollte danach die Krämpfe machen. Die Thier-experimente (mit Einspritzen einer Lösung von kohlensaurem Ammoniak in denKreislauf) schienen die Theorie vollständig zu bestätigen. Aber der Nachweisdes Ammoniaks im Blute wollte nicht gelingen. Es ist Spiegelberg nur ineinem Falle der Nachweis mit aller Sicherheit geglückt, bei späteren Versuchenund bei allen Versuchen Anderer aber nicht mehr. Wahrscheinlich ist es gar nichtein einzelner retinirter Harnbestandtheil, sondern die Summe aller, die denSymptomencomplex der Urämie macht.
Dadurch sollten diejenigen puerperalen Convulsionen erklärt werden, bei denendie Bright'sche Krankheit constatirt war. Aber um so räthselhafter waren dieFälle, wo bei Eklamptischen gar keine Albuminurie existirte. Für die Entstehungder Urämie war inzwischen eine neue Theorie von Traube aufgetaucht. So vieldie Auffassung von Frerichs bestechendes hatte, so gab es Fälle, bei denen dieentsprechenden Voraussetzungen nicht vorhanden schienen.
Nach Traube bewirkt die wässerige Beschaffenheit des Bluteg nach den
*) John C. Vf. Lever, Cases of puerperal convulsions. N. L. f. g. XVI rp. 238 ff.
2 ) Recherckes sur les hydropsies chez les l'emmes enceintes. Arch. gen. demed. Fevr., Mai et Juillet 1848.