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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
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470
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470 Die Erklärung der Eklampsie.

Selten, fast nie läuft die Eklampsie mit einem einzigen Anfallab und gerade so, wie der erste, fängt auch der zweite an. Durchdie mehrfachen Störungen des Sensoriums kommt dasselbe nicht wiederzur Erholung und die Kranke liegt in tiefem Coma da. Durch dieKrämpfe und die Athmungsstörung entsteht ein starkes Bassein undviel Schaum, der von der durchbissenen Zunge blutig gefärbt wird.Oft ist das Rasseln schon das Symptom des weitverbreiteten Lungenödems.

Die Pupillen sind bald contrahirt, bald erweitert; der Puls istwährend der Anfälle klein, frequent und aussetzend. In den soporösenZwischenräumen ist der Puls langsamer, oft sehr voll und gross. DieCarotiden klopfen, die Jugularvenen. sind durch die starke Füllung vor-tretend. Nach Winckel's Untersuchungen steigt auch die Temperaturmit jedem Anfall um einige Zehntel. Wenn auch die Körperwärme inder Pause wieder abfallen kann, bleibt doch nach vielen Anfällen ge-wöhnlich eine starke Temperaturerhöhung zurück.

Für das Verständniss der Eklampsie ist die Albuminurievon besonderer Bedeutung. Kaum war das Vorkommen von Ei-weiss im Harn Eklamptischer entdeckt worden, so war auch schondie Deutung bei der Hand, dass die Albuminurie die Folge einerBright'schen Nierenkrankheit, die Eklampsie also nichts anderes alsUrämie sei.

Diese Auffassung ist einseitig. Es ist recht gut möglich, dassdie Albuminurie nur die Folge der Krämpfe und der starken venösenStase ist. Sicher hatten keineswegs alle Personen während der Schwanger-schaft Albuminurie, welche während der Geburt Eklampsie bekamen,davon gar nicht zu reden, dass die Albuminurie noch keineswegs einsicheres Zeichen der Nierenschrumpfung ist.

Nun kommt die Kehrseite. Es leiden nicht Alle, die in derGravidität Albuminurie und sogar ausgesprochene Nierenschrumpfunghaben, während der Geburt an eklamptischen Krämpfen. Ich konntemehrere Kranke verfolgen, die, trotzdem man der herrschenden Theoriegemäss den Ausbruch der Eklampsie erwarten musste, Geburt undWochenbett ohne die geringste Störung durchmachten.

Das Wesen der Eklampsie ist, wenn man Beweise haben will'nicht aufgeklärt man befindet sich noch im Gebiet der Theorienund doch lassen sich nach den Thatsachen, welche bei der lebhaftenDiscussion über diese Frage gesammelt wurden, wichtige Schlüsse fürdie Behandlung ziehen.

Hauptsächlich bewegte sich der wissenschaftliche Streit um dieFrage, sind die puerperalen Krampfanfälle nichts anderes als Urämie,oder entstehen sie aus einer durchaus verschiedenen Ursache? So sehrdie einzelnen Anfälle eine grosse Aehnlichkeit mit der Epilepsie haben,so hat noch Niemand gedacht, die Eklampsie auf gleiche Weise zuerklären, wie diese Krankheit.

Das Vorhandensein von Eiweiss im Urin legt die Identificirungder Eklampsie mit der Urämie sehr nahe und doch ist der Verlaufder beiden Erkrankungen in einzelnen Erscheinungen verschieden. Kopf-