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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
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460 Therapie der atonischen Blutungen.

Wenn auch die Verschorfung, Thrombenbildung und Jauehung, die derLiquor ferri in der Gebärmutterhöhle anregt, ausserordentlich schlimm sind, so istdies doch immer noch besser als der Verblutungstod der Kreissenden unter denHänden des Geburtshelfers. Schliesslich muss der Tod auf die Tamponade mitLiquor ferri nicht unfehlbar folgen. Wir haben nur in einem Fall dieses heroischeVerfahren in der Nachgeburtsperiode angewendet. Und diese Wöchnerin ist trotzder entsetzlichen Jauchung mit ganz unerheblichen Temperaturerhöhungen durch-gekommen.

Bringt man einmal Eisenchlorid in die Genitalien einer Frischentbundenen,so bleibe man nicht auf halbem Wege stehen. Nur dadurch, dass der Liquor mitder Placentarstelle in'Berührung kommt und dagegen gedrückt wird, bewirkt erCoagulation und Thrombenbildung.

Das Einspritzen von Liquor ferri in die Uterushöhle hat dieselben Nachtheile,ja noch mehr als die Tamponade, ist aber weniger sicher. Wie wenig würde dasGegenspritzen von Liquor ferri gegen den blutenden Stumpf einer Vaginalportionhelfen! Das oberflächliche Gerinnsel würde immer wieder von dem neu nach-strömenden Blute weggespült. Eingespritzt wirkt der Liquor ferri nur als chemischreizende Flüssigkeit. Es werden 23 Wattebäusche in eine verdünnteEisenchloridlösung getaucht, mit der Hand auf die Placentar-stelle gebracht und von aussen gegengedrückt. Blutet es weiter, sowird so fortgefahren, bis die Blutung steht. Die Verdünnung kann so weit gehen,bis die Lösung nur noch weingelb gefärbt ist.

Ob man der Blutung wegen Liquor ferri-Einspritzungen (Lösungen 1 : 3100120 g Flüssigkeit) machen dürfe oder nicht, hat schon wiederholt und inverschiedenen gelehrten Gesellschaften Anlass zu lebhaften Discussionen gegeben.Weil die Frage immer wieder für und wider erörtert wird, müssen wir erwägen,welche Wirkung der Liquor ferri macht und welche Nachtbeile er mit sich bringt.Der Stoff selbst verändert das Blut, und begünstigt die Coagulation desselben.Danngerbt" er die Gewebe, er macht sie trocken, hart und lederartig. Da diesauf Zusammenziehungen beruht, kann Niemand dem Liquor ferri eine blutstillendeWirkung absprechen. Es setzt der Liquor ferri einen energischen chemischen Reiz,und in Rücksicht darauf ist es gar nicht ungerechtfertigt, wenn ein Autor schonden Vorschlag machte, an Stelle des Liquor ferri sesquichlor. reinen Branntweinin die Uterushöhle einzuspritzen. Aber wir wollen unsere oben ausgesprocheneAnsicht gar nicht auf theoretische Gründe stützen, sondern einfach die Thatsacheangeben, die uns dazu führte. Wir sahen eine Wöchnerin trotz energischer Liquorferri-Injectionen an acuter Verblutung zu Grunde gehen, und sahen eine anderereactionslos nach der Tamporiade genesen. Dass durch das Eisenchlorid directschon Todesfälle erzeugt wurden, ist bekannt, und auch nicht geeignet, das Mittelzu empfehlen. Dass dagegen die Liquor ferri-Tamponade schon wiederholt reactions-lose Genesungen erzielte, ersehen wir aus der Literaturzusammenstellung.

Anmerkung. Die Compression der Aorta als Mittel zur Stillung vonNachgeburtsblutungen ist sehr alten Datums. Schon einigemal in Vergessenheitgerathen, wird dieses Verfahren von Zeit zu Zeit wieder aufgefrischt. Von vorn-herein ist davon niemals ein Absch'luss der arteriellen Blutzufuhr zum Uterus zuerwarten wegen des höheren Abganges der Art. spermatica, aber eine Anämie imUterus, die wahrscheinlich wehenanregend wirkt. Der Haupteffect besteht darin,dass die Hirnanämie hintangehalten wird. In dieser Beziehung kommt die Com-pression in der Wirkung dem Einbinden der Extremitäten gleich.

Die Behandlung der inneren Grebärmutterblutung hat dieim Cavum uteri angesammelten Coagula zu entfernen. Die Expulsiv-bestrebungen beginnen durch den Reiz des Blutes, aber auch die grössteAnstrengung presst nur Serum, die Klumpen jedoch nicht heraus.

Oft genügt ein kräftiger Druck auf den Fundus uteri, die wirreMasse in Bewegung zu bringen: die einzelnen Blutstücke drängen und