454 -Der Werth der Transfusion.
er der Theorie nach zu erwarten ist, und die Gefahr, dass grössere Gerinnungenmit eintreten, ist keineswegs unbedenklich. Kleine Coagula sind auch im durch-geseihten Blut, schaden aber nicht.
Es ist also für den Act der Ausführung eine Hauptsache, das frische Ader-lassblut mit Holzstäbchen in einer erwärmten Schale recht energisch zu schlagenund umzurühren, bis sich an den Stäben kein Fibrin mehr niederschlägt, und erstdann durch reine Leinwand zu seihen. Auf die genügende Durchwärmung desBlutes ist sehr zu achten, weil die Einspritzung einer kalten Flüssigkeit eine in-tensive Reaction und Gerinnungen hervorruft.
Die Schwierigkeit der praktischen Verwendung der Transfusion liegt in demUebelstand, dass sich durchaus nicht näher präcisiren lässt, wann die Nothwendig-keit existirt, diese Operation zu machen. Wäre der Eingriff selbst vollkommenharmlos und sicher unschädlich, so hätten'diejenigen vollkommen Recht, welcheim zweifelhaften Fall für die Ausführung sprächen. Wir haben aber schon an-gegeben, dass man häufig sehr stürmische Erscheinungen hervorruft. Und anderer-seits sieht man so oft, wie Kreissende nach einem erschreckenden Blutverlust, sogarnach einer tiefen Bewusstlosigkeit sich merkwürdig rasch erholen. Hätte man insolchen Fällen die Transfusion gemacht, so würde dieser der Erfolg zugeschriebenworden sein.
Selbstredend gibt man bei dem starken Durst, über denAnämische zu klagen pflegen, reichlich zu trinken, spritzt nachHecker's Rath Aether subcutan ein, je eine Pravaz'sche Spritze voll, und reichtdie übrigen Analeptica, Branntwein, starke Weine und 20—30 Tropfen Opiumtinctur.
In neuester Zeit sind mehrere höchst interessante Arbeiten*) ge-kommen, welche recht genau zeigen, worauf es bei der Transfusioneigentlich ankommt: auf die Wiederfüllung des Gefässsystemsmit Flüssigkeit. Auch bei der stärksten Verblutung bleibt noch soviel Blut im Kreislauf, dass die Athmungscentren davon gespeist undfunctionsfähig erhalten werden*. Aber das restirende Blut und der andasselbe gebundene Sauerstoff gelangt nicht mehr zu jenen Centren,weil die Blutbewegung ins Stocken kommt. Wenn dem Herzen umder Blutung willen immer weniger und weniger des kostbaren Safteszuströmt, pumpt schliesslich das Herz leer und erlahmt. Selbst imStadium äusserster Blutleere, nachdem die Versuchsthiere bis zur Er-stickungsnoth gelangt waren, half ihnen eine Infusion alkalischer Koch-salzlösung von 0,5 °/o wieder so vollständig auf, dass sie, vom Ver-suchsbrett losgebunden, wieder gehen konnten.
Die praktische Bedeutung dieser Versuche ist eine hohe, sie zeigtdie richtigste Behandlung an, nämlich recht viel Flüssigkeitszufuhrin den Kreislauf — aber so lange noch der Puls zu fühlen und keinErbrechen hinderlich ist, auf natürlichem Wege per os eventuelldurch Clysniata und auf beiden Wegen zugleich. Dies istbequemer und ungefährlicher als direct in die Blutbahn, und dazu fürdie Praxis wichtiger, weil es ohne den geringsten Verzug angewendetwerden kann. Doch vergesse man ja nie darob die directe und voll-kommenste Blutstillung. Das allergeringste Blutnachsickern kann eineErholung des Herzens verhindern.
*) Golz, lieber den Tonus der Gefässe etc. Virch. Arch. Bd. 29. p. 394.Kronecker u. Sander, Berl. klin. Wochenschr. 1879. Nr. 52. E. Schwarz(Halle), Ueber den Werth der Infusion alkalischer Kochsalzlösung bei acuterAnämie. Habilitationsschrift. 1881.