442 Die Entstehung der Uterusruptur.
Man sollte nun annehmen, dass die ungewöhnliche ßetraction derGebärmuttermuskulatur am äusseren Muttermund sofort bemerkbar seinmüsse, dass also Scheidenansatz und Scheide in die Höhe gezogen undangespannt würden. Mag dies auch in einzelnen Fällen vorkommenund dem Arzt die Diagnose erleichtern, so braucht die Zerrung amäusseren Muttermund nicht einzutreten. Ja meistens kommt es über-haupt nicht dazu. Ehe sich die Retraction so weit geltend macht,kommt es zum Bersten des Uterus.
Der Grund liegt darin, dass der Widerstand, der dem Retractions-bestreben der Cervix entgegen wirkt, von den Ligamenten ausgeübtwird. Diese werden stärker gespannt, speciell das Ligamentumrotundum uteri.
So kann ganz im Gegensatz zu der nächsten Voraussetzung dieScheide und der äussere Muttermund ohne eine merkbare Veränderungsein, während das verhängnissvolle Ereigniss unmittelbar bevorsteht.
Die Symptome der drohenden Uterusruptur sind nach demGesagten: eine starke Spannung der Lig. rotunda, die ohneSchwierigkeiten zu fühlen sind und sich ungewöhnlich hoch inseriren,und das directe Befühlen der sich einseitig retrahirendenUterusmuskulatur.
Der Contractionsring hebt sich mit der massigen dicken Muskulaturwährend der Wehen scharf ab gegen das ausgedehnte und verdünnteuntere Uterinsegment.
Den Contractionsring sieht man unterhalb des Nabels quer überdas Abdomen hin eine Furche bilden. Der Cervicalkanal resp. dasUterinsegment wölbt sich vor und kann wie die gefüllte Harnblaseaussehen. Katheterisiren führt sofort zur Richtigstellung der Diagnose.Bei der inneren Untersuchung kann man während der Wehen ohneSchwierigkeiten an dem. Kinde vorbei in die Höhe fühlen. Die dicke,derbe Muskulatur, welche bei normalem Verhalten während der Wehenoch erreichbar ist, hat sich viel höher zurückgezogen, der Finger trifftüberall nur auf die verdünnte Wand.
Auch in der Physiognomie und dem ganzen Verhalten prägt sichdie drohende Zerreissung in der Regel aus.
Wenn es auch vorkommt, dass die Zerreissung so unerwartet ein-tritt wie ein Blitz aus heiterem Himmel, so ist dies doch eine Ausnahme.
Die Regel ist, dass die Kranke nicht mehr zur Ruhe kommt.Auch in der Wehenpause leidet sie wegen der Spannung der Ligamente.Das Gesicht wird entstellt — Facies hippocratica — der Leib schmerz-haft, der Puls klein und frequent, die Temperatur erhöht.
So überzeugend und richtig die Bandl'sche Erklärung auch fürdie meisten Fälle ist, so sehr dieselbe gekannt und gewürdigt werdenmuss, so gibt es doch noch Rupturen, welche jedem ErklärungsversuchHohn sprechen.
Es sind schon in der älteren Literatur Veröffentlichungen nieder-gelegt, wo nach unscheinbarer Wehenthätigkeit das ganze Ei, alsoder Fötus in den geschlossenen Eihäuten durch einen Riss in die