Druckschrift 
Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
421
Einzelbild herunterladen
 

Die Aetiologie der Blasenscheidenfisteln. 421

Darreichung von Seeale cornutum. Bei den violenten puer-peralen Fisteln hat die Zange ein ominöses Vorrecht, aber - bei allenanderen entbindenden Operationen kann eine Fistel ebenfalls entstehen.Meiner Ueberzeugung nach werden viele violente Fisteln veranlasstdurch die Scheu der practischen Aerzte vor den zerstückelnden Ope-rationen, indem sie lieber eine gewaltth'ätige Zangenoperation oderWendung machen, als die für die Weichtheile schonendere Perforationoder Embryotomie.

Nach einer Zusammenstellung von B o u q u e war unter 65 Entbindungen,denen Fisteln folgten, 35mal die Zange, 7mal der Hebel, 3mal der Haken ange-wendet worden, 12 mittels zerstückelnder Operationen und 5 durch die Wendungvollendet worden.

Inhaltsübersicht.

1) Die Mehrzahl der Blasenscheidenfisteln entsteht spontan durchzu lange anhaltenden Druck und Exfoliation des durch den Druckgangränös gewordenen Stückes. Dies ist von vornherein anzunehmen füralle hoch in der Scheide sitzenden Fisteln.

2) Daneben kommen sicherlich auch Blasenscheidenfisteln zu Standedurch ungestümes, forcirtes Operiren. Am schädlich st en sind die gewalt-thätigen Zangentractionen an einem hochstehenden Kopf, aber selbst beiWendungen und Extractionen kann schonungsloses Eingreifen Fisteln ver-schulden. Dass sie bei Perforationen durch Abgleiten mit scharfen In-strumenten entstehen können, braucht keine Auseinandersetzung.

3) Zur Verhütung der spontanen Blasenscheidenfisteln gehört ge-naue Beobachtung der Quetschungserscheinungen (vergl. oben) und vor-kommenden Falles sofortige Entbindung. Hiezn ist ferner zu rechnen dieVermeidung einer unzeitigen Verabreichung von Seeale cornutum undregelmässige Ueberwachung der Bläsenentleerung.

Als Anhang zum Capitel „Gefahren des engen Beckens" erwähnenwir noch

die Sprengung der Symphysis pubis.

Literatur.

Winckel: Pathologie und Therapie des Wochenb. Berlin 1869. p. 487. —Duchenne: De la rupture des symph. These. Strasb. 1869. — Schauta: Allg.Wiener med. Zeitung. 1882. Nr. 28. — Fraisse: These. Paris 1883. — Ahlfeld:Schmidt's Jahrb. 1876. Bd. 169. p. 185. — Eidam: Berl. klin. Wochenschr. 1875.Nr. 29. — Köstlin: Diss. Tübingen 1880. - Dührssen: C. f. G. 1888. p. 813spricht sich für baldige Incision der gebildeten Eiterhöhlen aus. Dadurch verlieredie Symphysenruptur von der ihr zugeschriebenen Lebensgefahr.

Ahlfeld gibt in seiner Arbeit eine vollständige TIebersicht und Sichtungdes Materials. So gar selten ist diese Verletzung nicht, denn Ahlfeld vermochteüber 100 Fälle zusammenzustellen. Am häufigsten disponirten dazu osteo-malacische und allgemein verengte Becken. Es braucht eine starke Verengerung,also auch starke Dehnung im Querdurchmesser, wenn die Symphysis pubis zer-