420 Die Aetiologie der Blasenscheidenfistehi.
Anschauung angeschlossen (Ch. West 18 58, G. Simon und BakerBrown), die allerdings recht bequem und beruhigend für die Geburts-helfer lautet, aber unzweifelhaft zu weit geht. Die Verhütung derFisteln bestände nach dieser Anschauung darin, den richtigen Zeit-punkt zum Entbinden nicht zu versäumen. Die Anhaltspunkte zur Be-stimmung der richtigen Zeit hätte man in den Compressionserscheinungen.Gewiss ist es, dass Fisteln ausschliesslich durch Druckgangrän entstehenkönnen, gewiss ist es, dass dieser zum Brand führende Druck wohlimmer Symptome macht, aber dieselben von Seiten der Hebammen u. A;unbeachtet bleiben und dass, wenn später der Arzt zum Operirenkommt, das Schicksal der gequetschten Stelle schon entschieden ist.Aber ebenso gewiss ist es, dass gelegentlich auch so frühzeitig, beiganz normalen Becken, überhaupt bei einem Befinden der Kreissendenoperirt wird, dass man unmöglich die Druckgangrän als Ursache derFistel ansprechen kann. Es ist nach meiner Meinung wohl in allenFällen, wo sofort nach Beendigung der Operation Urin ab-fliesst, nicht am Platz, die Druckgangrän als Nothbehelf anzurufen —das sind Fälle, wo, seltene Ausnahmen abgerechnet, die Operationdirect als Ursache der Fistel angesehen werden muss. Ein weiteresMoment, das den Schluss auf Druckgangrän verbietet, ist der Sitzder Fistel. Nur diejenigen Fisteln, welche sich hoch im Scheiden-gewölbe, dicht unter der Portio vaginalis befinden, entsprachen demoberen Rand der Symphyse als Druckpunkt während der Geburt beiplattem Becken. Eine Fistel, die nahe über dem Sphincter vesicaeliegt, also dem unteren Rand oder der hinteren Fläche der Symphyseentsprach, ist nach einer Zangenoperation mit mehr Wahrscheinlichkeitauf diese als auf die Druckgangrän zu beziehen (Landau).
Ich habe schon in der citirten früheren Publication darauf hin-gewiesen, dass jene Anschauung von Schmitt u. A. zu weit gehe.Es gibt aber noch mehr Punkte, die bei der Prophylaxis der Fistelneine Rolle spielen.
Ausser der langen Dauer der Geburten, besonders bei vor-zeitigem Sprung der Eihäute, ist es die anhaltende Ueber-füllung der Blase während der Geburt und im Wochenbett.Mehrere Fistelpatientinnen, die in grosser Zahl in die Erlanger Klinikkamen, machten solche Angaben. Es ist auch begreiflich, dass dieseine Verdünnung der Blasenwand, eine Herabsetzung der Ernährungund eine grössere Neigung zur Zersetzung des Urins bedingt.
Eine auffallend grosse Zahl der Erlanger Fistelkranken machte dieAngabe, Mütterkornpulver bekommen zu haben. Ich bin sehr ge-neigt, dem Seeale cornutum einen schädlichen Einfluss, einengrossenTheil der Schuld am Zustandekommen von Fisteln zuzuweisen.
Wir können als Aetiologie der nicht violenten puerperalen Fistelnzusammenfassen: enge, speciell platte Becken, lange Geburts-dauer mit frühzeitigem Blasensprung, Ueb er sehen der Druck-erscheinungen, Versäumen des richtigen Momentes zur Entbindung,ungenügende Ueberwachung der Blasenentleerung, unzeitige