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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
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410
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410 Der Geburtsverlauf beim engen Becken.

beim normalen Becken die Einstellung im Beckeneingang so geschieht,dass die Pfeilnaht in der Regel in den schrägen Durchmesser zu stehenkommt, stellt sich dieselbe beim platten Becken vollständigquer ein. Das stärker hereinragende Promontorium hindert den Kopf,die Buchten vor den Kreuzbeinfiügeln auszufüllen und zwingt denselben,die ausgesprochene Querstellung einzunehmen.

Eine zweite Abweichung vom normalen Geburtsmechanismus ent-steht durch das Zurückbleiben des Hinterhauptes. Auf dieses wirkt,durch die Wirbelsäule fortgepflanzt, die Kraft des Uterus direct ein.Wo kein Widerstand existirt, wird auch das Hinterhaupt immer ammeisten vorwärts bewegt. Ist aber eine Verengerung vorhanden, sowird das breitere Hinterhaupt einen grösseren Widerstand finden alsder schmälere Vorderscheitel.

Sobald dieses Aufhalten des Hinterkopfes beginnt, pflanzt sichdie Kraft der Wehen mehr auf den vorderen Theil des Kopfes fort undtreibt Stirn und grosse Fontanelle ebenfalls in den Beckeneingang hinein.

Es erklärt dies in einfacher Weise, dass beim platten Beckendie zwei Fontanellen annähernd gleich hoch stehen, die grosseFontanelle also immer relativ tiefer als normal. Dies sind Zeichen,die während der Geburt mit Bestimmtheit auf ein platt verengtesBecken schliessen lassen.

Ausser den eben erwähnten Stellungen erwähnen wir ganz be-sondere Abweichungen: die von Litzmann so genannte vordereund hintere Scheitelbeinstellung.

Auch beim normalen Geburtsmechanismus steht das vordereScheitelbein tiefer als das hintere. Beim engen Becken wird dieseunsymmetrische Stellung noch ausgesprochener. Die Pfeilnaht ver-läuft beim engen Becken direct am, oft über dem Promon-torium vorbei. Bei platten Becken wird diese Verschiebung so stark,dass das vorn liegende Scheitelbein fast den ganzen Beckeneingangbedeckt. Deswegen wird diese Anomalie „vordere Scheitelbeinstellung''genannt.

Aber auch die entgegengesetzte Störung der Einstellung kommtvor. Die Pfeilnaht liegt dabei dicht an der Symphyse und diese Ver-schiebung wird hintere Scheitelbeinstellung 1 ) genannt.

Bei den beiden Anomalieen ist es leichter, ein Ohr zu fühlen, alsbei den normalen Schädellagen, und sind diese Stellungsabweichungentheilweise identisch mit dem, was frühere Autoren als Ohrlagen be-zeichnet hatten. Die hintere Scheitelbeinstellung ist eine Störung, diedurch die Naturkräfte gar nicht beseitigt werden kann und Kunsthülfenothwendig macht (meist die Perforation). Auch die vordere Scheitel-beinstellung ist eine unerwünschte Complication der Geburt, doch vieleher und auf einfachere Weise zu verbessern, als die hintere. SchonLage Veränderungen der Kreissenden auf diejenige Seite, nach der dasHinterhaupt gerichtet ist, bringen oft eine Besserung zu Stande.

*) Litzmann: A. f. G. Bd. II. p. 433 u. J. Veit: Z. f. G. u. G. Bd. IV. p. 229.