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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
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393
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Das osteomalacische Becken. 393

Die Osteomalacie ist eine Krankheit des Puerperalzustandes, d. h. sie trittmit seltenen Ausnahmen nur auf während einer Schwangerschaft oder im Verlaufdes Wochenbettes. Das letztere bildet die Regel und eine bald darauf folgendeSchwangerschaft bringt eine bedeutende Verschlimmerung resp. ein Recidiv desschon zum Stillstand gekommenen Erweichungsprocesses mit sich.

In jüngster Zeit schlug Fehling die Exstirpation der beiden ge-sunden Ovarien behufs der radikalen Heilung der Osteomalacie vor.

Im Allgemeinen ist die Osteomalacie einer mangelhaften, beson-ders qualitativ unrichtigen Ernährung zuzuschreiben, aber eine genauereAngabe, in welcher Richtung die Ernährung unzureichend sei, ist nichtzu geben. Für diese allgemeine Auffassung spricht es, dass die Krank-heit fast noch niemals bei einer gut situirten, mit gemischter Kost er-nährten Frau beobachtet ist. Aber auch den Mangel guter Ernährung,elende feuchte Wohnräume, ausschliesslich Kartoffel-, resp. Reisnahrungkann man nicht schlechtweg als die Ursache der Krankheit betrachten.Sicher tragen diese eben angegebenen Verhältnisse dazu bei. Wennsie aber mit einiger Constanz den Knochen so mangelhaft ernährenwürden, dass er da, wo ein grösserer Verbrauch von Kalksalzen existirt,erweichen müsste, käme die Krankheit viel häufiger vor. Das uner-klärlichste ist nämlich der Umstand, dass die Krankheit im Allgemeinennur sporadisch und sehr selten, in einzelnen Gegenden aber so häufigauftritt, dass man von endemischem Vorkommen sprechen kann: so anden Ufern des Niederrheins und in seinen Seitenthälern, in Ostflandernund in der Po-Ebene. Wenn es auch theilweise daran liegen mag,dass hier zu wenig Eiweiss-Nahrung, zu ausschliesslich Amylacea ge-nossen werden, so kann dies das häufige Vorkommen nicht erklären,weil das auch anderwärts geschieht, ohne dass dort Osteomalacie auftritt.

Histologisch stellt sich die Osteomalacie als ein chronischer Zehr-process an den Knochen dar. Wuchernde Zellen höhlen von denHavers'schen Kanälen den Knochen aus und verdrängen oder ver-schlingen die Kalksalze. Der Resorptionsprocess der Knochenerdenkann so weit gehen, dass nur noch eine dünne Schicht Periost undeine papierdünne Lamelle Knochen übrig bleibt, und darunter alles inder Markhöhle aufgegangen ist.

Die Diagnose an der Lebenden. Bei der ausgesprochenenErkrankung zeigen die betreffenden Personen einen eigenthümlichwatschelnden Gang". Ihre Oberschenkel sind durch das Hereintretender Schenkelköpfe in das Becken so nahe gerückt, dass die Beine nichtmehr an einander vorbei können. Es müssen sich solche Kranke förm-lich auf dem Fusse drehen, um das andere Bein im Bogen um dasstehende herumzuschwingen. Dies bedingt die seltsame Gangart, hori-zontale Pendelung des Beiries oder horizontale Gangart genannt. Ausdem gleichen Grunde ist auch die Distantia trochanterum kleiner alsnormal. Die Personen sind klein, ja meistens haben ihre Angehörigenbemerkt, dass sie kleiner wurden. Die subjectiven Klagen beschränkensich auf heftigerheumatische" Schmerzen im Rücken und Kreuz. Wir