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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
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394
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394 Das osteomalacische Becken.

kennen einen Fall, der lange Zeit hindurch von einem Arzt als Hexen-schuss behandelt wurde.

Die Untersuchung ergibt bei der Beckenmessung die geringereEntfernung der Trochanteren. Die Conj. ext. ist nicht immer kleiner,dagegen das Promontorium leicht zu fühlen. Ganz besonders bemerk-bar und relativ früh zu constatiren ist die Enge des Scham bogen s,die Knickung der Schambeine in der Leistengegend und die ab-norm stark gespannten Ligg. spinoso- und tuberoso-sacra.

Die Prognose bei der Geburt ist schlecht. Sehr oft ist derKaiserschnitt nothwendig. Für die geburtshülfliche Behandlunggilt aber die Hauptregel, vor jedem ernsten Eingriff, namentlich bevorman den Kaiserschnitt unternimmt, kräftige Wehen abzuwarten, weildiese öfters im Stande waren, das weiche Becken zu erweitern.Im Uebrigen richtet sich die Behandlung nach dem Grad der Ver-engerung. Die Prognose der Krankheit wäre vielleicht in Beziehungauf Heilung nicht so schlecht, wenn die Kranken nicht wieder schwangerwürden und damit sich eine Exacerbation des Leidens zuzögen. DasLetztere ist nun allerdings in der Regel der Fall. Wenn auch nachtheoretischer Rücksicht unter den Arzneimitteln die Kalksalze am ratio-nellsten erscheinen, erreicht man damit nichts oder nicht so viel alsmit dem empirisch erprobten Leberthran.

Historisches. Stein d. ä. war der erste Geburtshelfer Deutschlands,welcher vom geburtshülflichen Standpunkt aus ein solches Becken beschrieb (1775bis 1782) und deswegen den Kaiserschnitt ausführte. Zu ziemlich der gleichenZeit war in England von Cooper (1776) und Vaughan (1778) der Kaiserschnittwegen Osteomalacie gemacht worden (vergl. Litzmann, Die Form des Beckens.Nr. 102). In seiner berühmt gewordenen Inauguraldissertation, de mutatioriibusfigurae pelvis, praesertim iis, quae ex ossium eraollitione oriuntur, Lugduni Bata-vorum (Leyden) 1793 erwähnt de Fremery das osteomalacische Becken genau,obschon er nur den Gypsabguss eines in England befindlichen Beckens in Händengehabt hatte. Wesentliche Förderung brachten noch Stein d. j. und Kilian.Der letztere führte den Namen Halisteresis ein, dessen Ableitung vergl. hinten imRegister. Das Weseri des Krankheitsprocesses wurde durch die Untersuchungenvon H. Meyer und Virchow aufgeklärt.

Inhaltsübersicht.

1) Das osteomalacische Becken zeigt im Beckeneingang Kartenherz-form, iveil die dünnsten Theile des Beckenringes beim Weichwerden derKnochen durch den Schenkeldruck eingebogen werden. Die Äbknicknngder Schambeine, das schnabelartige Vorspringen der Sijmphyse sind dieHauptmerkmale zur Unterscheidung des osteomcdacischen Beckens. Aehn-lichkeit damit hat nur noch das ankylotisch quer verengte und das Robert-sche Becken.

2) Die Osteomalacie ist eine Knochenentzündung mit Resorption derKnochensalze von den Hav ers'sehen Kanälen aus. Sie kommt in denSeitenthälern des Rheins, Brabant, Flandern und der Lombardei ende-misch, in anderen Gegenden nur sporadisch vor.