378 Das allgemein gleichmässig verengte Becken.
Hieher gehört auch das sogen, trichterförmig verengte Beckenund das rhachitische Becken von pseudo-osteomalacischerForm (Nägele).III. Hauptsächlich im schrägen Durchmesser verengte Becken:
1) das ankylotisch schräg verengte Becken;
2) das coxalgisch „ „ „
3) das scoliotisch „ „ „
Die Eintheilung schliesst ab mit den un regelmässig ver-engten Becken. (Verengerungen durch Knochen- resp. Knorpel-geschwüls'te etc.)
Die vier erstgenannten Arten von Beckenverengerung,nämlich das allgemein gleichmässig und die drei verschiedenenplatten Becken repräsentiren die häufiger vorkommendenDifformitäten. Unter ihnen selbst überwiegt wiederum das einfachplatte Becken.
Historische Notizen.' Merkwürdigerweise ist die Existenz von Becken-verengerungen den Geburtshelfern bis vor relativ kurzer Zeit ganz entgangen.Einem Anatomen, J. C. Arantius (1572), ist diese Difformität zuerst aufgefallen.Aber seine Beschreibung und sein Hinweis, dass dies nothwendig eine wichtigeUrsache zu schweren Geburten sein müsse, blieb von Seiten der Practiker unbe-achtet und fiel bald wieder der Vergessenheit anheim. Es ist höchst merkwürdig,wie die hochgradigen Verengerungen, welche Osteomalacie und Rhachitis machen,den früheren Geburtshelfern entgingen, trotzdem sie ja oft so schlimm sind, dasses schwer möglich ist, die Hand einzuführen. Wir erkennen darin die Macht desfestgewurzelten Vorurtheiles, die schon so manchen Portschritt aufgehalten hat.
Die Vorurtheile, welche solche Geburtshelfer befangen hielten, waren diealte Lehre des Hippokrates, dass sieh die Kinder selbst anstemmen und hinausarbeiten. Die Kinder, welche dies nicht thaten, musste man für todt halten undan die Todten war man bald bereit, scharfe Zangen etc. anzusetzen und sie ver-kleinert zu extrahiren. Später war es die Lehre, dass die Beckenknochen sichöffneten. Dies hatte man allgemein geglaubt, bis Vesal (1543) die Unmöglich-keit durch die anatomische Untersuchung nachwies. Aber dieses Märchen tauchtenochmals auf — eine Demonstration an der Leiche einer Neuentbundenen solltedie Richtigkeit erwiesen haben (Pare und Severinus Pinäus (1597). ErstHeinrich van Deventer (1651 — 1724) hat mit nachhaltigem Erfolg die Becken-lehre bearbeitet (Operationes chirurgicae novum lumen exhibentes obstetricanti-bus etc. Leyden 1701). Die weiteren epochemachenden Fortschritte heften sich andie Namen Smellie, Levret, Stein d. ä. und Stein d. j. und Baudelocque;die Vollendung der Lehre in allen wesentlichen Punkten verdankt man aber denForschungen von Michaelis und Litzmann in Kiel. Ueber die Geschichte desengen Beckens vergl. Litzmann, die Formen des Beckens. Berlin 1861 p. 95 ff.
Die Besprechung der Beckenverengerungen beginnen wir mit demAllgemein gleichmässig verengten Becken.
(Pelvis aequabiliter justo minor.)
Literatur.
Nägele, F. C.: Das schräg verengte Becken u. s. w. Mainz 1839. S. 98.—Michaelis, G. A: Das enge Becken, herausgeb. v. Litzmann. Leipzig 1851. S. 81.— Litzmann, C. C. Th.: Die Formen des Beckens, insbesondere des engen weibl.