Aetiologie und Behandlung der Krampfwehen. 357
Muttermundes — zur Strictur, wie man dies früher bezeichnete —zur Contractur, wie man besser sagen kann. Dass hiezu hauptsäch-lich schonungsloses Touchiren, Erweiterungsversuche am Muttermundbeitragen, ist verständlich. Noch häufiger gibt aber ein vorzeitigerBlasensprung und der ungleichmässige Druck auf einzelne Partieen desunteren Gebärmutterabschnittes bei platten Becken Veranlassung zudieser Wehenstörung. Endlich involvirt eine schon während der Ge-burt gesetzte Entzündung oder Verabreichung von Seeale eine grössereReizbarkeit und eben diese spastischen Contractionen.
Neuere Autoren 'wollen die spontane Entstehung von Krampfwehen nichtmehr anerkennen, sondern alle solche Störungen auf die unzeitige Verabreichungvon Seeale cornutum beziehen. Ich muss nach meinen Erfahrungen dieser Ansicht■widersprechen. Wenn ich auch früher in der Poliklinik in Strassburg Krampf-wehen sehr häufig beobachtet habe, in denen die Verabreichung von Seeale meistenszugestanden wurde, so habe ich doch entschieden auch Fälle erlebt, wo solcheallein durch vorzeitigen Blasensprung auftraten und überhaupt kein Seeale ver-abreicht worden war.
Die Folgen der Krampfwehen sind eher unangenehmer als dieder Wehenschwäche. Namentlich sind es die Kinder, die darunterleiden, weil sich eine ähnliche Circulationsstörung in der Placenta aus-bildet, wie bei der Wirkung des Seeale cornutum (siehe p. 354).
Die Behandlung besteht gegen Ueberreizung in Beruhigungund diesem Zweck entsprechen protrahirte warme Vollbäder (28°R.J /2 — 1 Stunde lang) und die Darreichung von Narcotica: Tinct. Opiiin grossen Dosen, 15—25 Tropfen mit halbstündigem Zwischenraum2—3mal zu wiederholen, Chloralhy drat bis zur Dosis von 5 g undschliesslich die Chloroformnarkose.
Auch die Brechmittel in nauseoser Dosis, Rad. Ipecacuanhae, sindschon gebraucht worden. Nach den Erfahrungen über die Einwirkungdes Apomorphins auf die quergestreiften Muskeln ist von den Brech-mitteln eine sehr wirksame Erschlaffung zu erwarten. Es kommt aberhiebei die Nebenwirkung — die Erregung von Uebelkeit — unerwünscht.Die subcutane Injection einer Spritze von Morphium und Atropinlösung(M. 0,10, Atrop. 0,01, Aq. dest. 10,0) soll für die schlimmsten Fälle,die Umschnürungen des Kindes bei Tetanus uteri, aufgespart bleiben.
Gegen die Contracturen vulgo Stricturen des Mutter-mundes ist diese beruhigende Behandlung mit Narcoticis gewöhnlichausreichend. Doch ist eine örtliche Behandlung mit oberflächlichenEinkerbungen mittels Messer oder Scheere gelegentlich angezeigt. Dasweitere über diesen Gegenstand bitte ich bei Abhandlung der blutigenEröffnung des Muttermundes in der Operationslehre zu vergleichen.
Auch bei den Krampfwehen gilt der Grundsatz, wie bei der Wehen-schwäche, dass eine eigentlich geburtshülfliche Behandlung erst be-ginnen kann, wenn die Wehenanomalie gebessert ist.
Inhaltsübersicht.
1) Man unterscheidet primäre und seeundäre Wehenschwäche. Wäh-rend die erstere von vornherein besteht, tritt die letztere erst nach langer