Das Mutterkorn — Seeale cornutum. 355
Ganz besonders empfindlich sind die Frösche, aber zu erzielen ist die Lähmung beientsprechend hoher Dosis auch bei Katzen und Hunden. Die Lähmung beginntan den Hinterpfoten und schreitet nach vorn weiter. Die Athmung und der Herz-schlag, bleiben lange intact und die Thiere können sich wieder erholen. Der Blut-druck sinkt langsam, erst einige Zeit nach der Injection, aber sehr stark ab.(Nach eigenen noch nicht publicirten Versuchen, nach Nikitin, W. Kobert.)
Die blutstillende Wirkung des Seeale cornutum würde, soweit die Blutungennicht den Uterus betreffen, z. B. Lungenblutungen, dem Sinken des Blutdruckeszuzuschreiben sein.
Ausser der in Wasser löslichen Ergotinsäure kommen im Seeale cornutumnoch 2 wirksame beziehungsweise giftige Stoffe vor, deren genauere Kenntniss undPrüfung wir der überaus verständlichen Arbeit von Kobert 1 ) verdanken. Es sinddies eine in Alkohol lösliche Säure, die Sphacelinsäure, und ein in Alkoholleicht lösliches Alkaloid, das Cornutin 2 ). Beide Stoffe führen ihre Namen nachKobert's Vorsehlag.
Die Sphacelinsäure ist mit einigen Salzen in Wasser löslich. Sie hat eineharzähnliche Beschaffenheit und bewirkt im Experiment eine Reizung des ver-längerten Marks, besonders des vasomotorischen Centrums. Dadurch werden alleArterien zu spastischen Contractionen veranlasst, es steigt der Blutdruck und es ent-stehen um des Krampfes willen in den Gefässen hyaline Thromben (v. Reckling-hausen), welche in der Folge zu Gangrän führen können. Dieser Säure ist dieGangränbildung, die so oft während der Ergotismusepidemieen beobachtet wurde, zu-zuschreiben. Auf den Uterus hat auch diese Säure keinen Einfluss. Der dritteStoff— das Cornutin — bewirkt im Experiment eine eigentümliche Muskelsteifig-keit, grosse Neigung zu Krampfanfällen und ist das Gift der convulsivischen Formdes Ergotismus. Dieses Mittel wirkt contractionserregend auf den Uterus. Wasder praktischen Verwendung noch starken Eintrag thut, ist die baldige Verderbnissdes Comutins. Schon ein Vierteljahr nach der Ernte beginnt der Gehalt von C.im Mutterkorn bedeutend zu sinken, so dass dies leicht erklärlich macht, warumalte Mutterkornpräparate so oft unwirksam gefunden wurden.
Von den übrigen wehenbefördernden Arzneimitteln istnach keiner Richtung etwas Genaues bekannt. Der Borax, dem früherganz allgemein eine solche Wirkung zugeschrieben wurde, findet heutekeine Anwendung mehr, weil der Glaube an seine Wirksamkeit ge-schwunden ist. Ein thatsächlicher Beweis oder auch nur sichere An-haltspunkte bestanden für denselben nicht.
Nicht viel besser angeschrieben ist der Zimmt, der gewöhnlichals Tinctura Cinnamomi gereicht wird. Aber einen Lückenbüsser mussman haben, wo man händeringend die Kreissenden um Hülfe flehensieht und doch in deren Interesse weder operiren, noch eingreifendeArzneimittel, wie Seeale cornutum, geben darf. Da ist die Tinct.Cinnamomi am Platz.
Was vom indischen Hanf, vom Chinin, von der Digitalisund auch vom Pilocarpin an Wehenverstärkung constatirt wordenist, kommt wahrscheinlich der Allgemeinwirkung dieser Stoffe zu. Dannwirken sie nicht wesentlich anders als ein Glas Wein oder eine TasseKaffee.
*) Ueber die Bestandtheile und Wirkungen des Mutterkorns. Leipzig 1884,und Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. Bd. XVIII.
2 ) Kobert: Ueber Mutterkornpräparate. C. f. G. 1886. p. 306, u. Erhardt:Ueber die Wirkung des Cornutin. Ebenda p. 309.