Druckschrift 
Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
354
Einzelbild herunterladen
 

354 Die Behandlung der Ermüdungswehensehwäche.

dieses Mittel zu früh anzuwenden. Es passt durchaus nurgegen die secundäre Wehenschwäche bei tiefstehendem Kopf,Hier sind alle Vorbedingungen zur Zangenentbindung erfüllt. Wenndas Seeale den gewünschten Erfolg nicht hat, wenn es einen schädlichenEinfiuss auf das Kind geltend zu machen beginnt, wird mittels derZange entbunden. Einzelne Autoren wollen das Mutterkörn währendder Geburt ganz verbannen und dasselbe nur in der Naphgeburtsperiodeanwenden. Gibt man die Dosen aber erst nach Beendigung der Ge-burt, so kommt die. Wirkung des Mittels zu spät.

Die Beobachtungen, dass nach Verabreichung von Seeale dieKinder asphyetisch werden und absterben, sind alten Datums. Manerklärt die Asphyxie durch die charakteristische Veränderung der Uterus-contractionen. Das Seeale macht nämlich nicht Wehen der gewöhnlichenArt, mit Contraction und Pause, sondern (wenn das Bild ausgesprochenvorhanden ist) fortdauernde Zusammenziehungen. Die Contractionenohne Unterbrechung behindern die Circulation in der Placenta unddadurch werden die Kinder asphyetisch.

Seeale cornutum darf nie verordnet werden, ohne dassman sicher ist eine normale Kindeslage vor sich zu habenund im Stande wäre die Geburt künstlich zu vollenden, sobald unwill-kommene Erscheinungen, z. B. Sinken der Herztöne beim Kind, sichgeltend machen.

Die Verordnung des Seeale cornutum geschieht in Pulver oderInfus. Die Pulver des Handels bieten nicht die geringste Garantiefür. ordentliche Wirksamkeit. Der Apotheker, der für den Fall derNoth ein gutes Mittel liefern will, muss die vom Pilz verändertenRoggenkörner frisch und gut verschlossen aufbewahren und sie erstauf die Verordnung hin zermalmen oder übergiessen. Die Dosis be-trägt in Pulvern 1 |ä1 g und werden solche Dosen 3mal im Zwischen-raum von 10 Minuten gegeben. Zum Infus werden 510 g gepulvertoder gerieben und dann infundirt. Davon wird alle 5 Minuten einEsslöffel voll gegeben.

So unsicher oft die Wirkung des Mutterkornes ist, so hat das Leugnen einerjeden Wirksamkeit- desselben nie Stand gehalten. Die Wirkungslosigkeit hängtvielfach von äusseren Verhältnissen ab. Man hat so oft versucht den wirksamenBestandtheil in eine haltbarere Form zu bringen, doch bisher ohne befriedigendenErfolg.

Das von mir unter Schmiedeberg's Leitung dargestellte Präparat 1 )die Ergotinsäure ist in der Wirkung im wesentlichen gleich wie Dragen-dorff's Sclerotinsäure, aber beträchtlich reiner als die letztere. Bei meinerVeröffentlichung hielt ich es noch nicht für angezeigt, einem Präparat, daschemisch nicht weiter charakterisirt war, einen Namen zu geben.

Erst die später (1876) publicirte Arbeit von Dragendorff und Podwi-sotzky, welche durch Einführung des Namens Sclerotinsäure mehr Beachtungerlangte, veranlasste mich, nachträglich mit der Benennung Ergotinsäure fürmein Präparat hervorzutreten. (Zu beziehen von Merck, Darmstadt.)

Die Wirkung dieses Stoffes bei Thieren ist eine Rückenmarkslähmung.

Arch. f. experiment. Pathologie und Pharmakologie. 1875. Bd. IV. p. 387.