Druckschrift 
Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
353
Einzelbild herunterladen
 

Die Diagnose der secundären Wehenschwäche. 353

Diese Dehnung kommt nach Hofmeier's Untersuchungen uner-wartet oft vor, ganz besonders leicht bei Mehrgebärenden wieder,denen die erste Entbindung eine Verdünnung des unteren Uterin-isegmentes gebracht hatte. Ja Hofmeier sah sie sogar bei Erst-gebärenden mit tief in das Becken herabgetretenem Kindskopf. Diesmacht es begreiflich, dass dann die Uterusmuskulatur dem Kinde nichtmehr folgen und dasselbe durch den Beckenausgang nicht mehr fort-bewegen kann.

Die durch Schwäche der Bauchpresse entstandenen Zögerungenbessern sich wieder. Die mit Uterindehnung verbundenen werden über-haupt nicht mehr besser. (Ueber die Dehnung vergl. hinten Uterus-ruptur.)

Prognose. Es existirt zwar in der Regel keine unmittelbareLebensgefahr, weder für das Kind-, noch für die Mutter. Aber lange,viele Stunden hindurch darf man diese Situation nicht bestehen lassen.

Der Kopf füllt normaler Weise das Becken so aus, dass im Laufvon Stunden die weitgehendsten Circulationsstörungen entstehen müssen.Das bedeutet für das Kind starke Ausbreitung der Kopfgeschwulstüber die ganze Galea aponeurotica. Das Kind kann auch durch Lösungder Nachgeburt ersticken, indem diese zur Lösung kommt, weil sichder Contractionsring immer höher zurückzieht (Hofmeier).

In den Beckenorganen der Frau erzeugt diese Störung Oedeme etc.Wenn sich der Uterus nicht von selbst oder durch die gewöhnlichenwehenbefördernden Mittel zu besserer Thätigkeit anschickt, muss ope-rativ geholfen werden. Es ist ganz ausser Frage, dass eine secundäreWehenschwäche Gefahr bringen kann, aber so lange die Geburt nochnicht vollständig abgeschlossen ist, nur im Lauf von Stunden. Inwenig Minuten aber kann die Trägheit der Gebärmutter eine gesundeKreissende an den Grabesrand bringen, wenn die Wehenschwächeaus der Austreibungsperiode fortbesteht und bis in die Nachgeburtszeithinüberspielt.

Die Folge der secundären Wehenschwäche (Atonia uteri!)in der Nachgeburtsperiode ist eine atonische Blutung!

Die Behandlung muss so eingerichtet werden, dass diese Haupt-gefahr der Wehenlosigkeit und Wehenschwäche auch hauptsächlichberücksichtigt wird. Und diese Rücksicht gebietet, dass keine künst-liche Entbindung (die Zangenoperation) gemacht werden soll,ehe die secundäre Wehenschwäche gehoben ist, so weit mandies erreichen kann.

. Wehenschwäche verlangt Wehenverstärkung. Die Mittel, welchedies thun, sind gleich, wie diejenigen, welche bei der SchwangerenContractionen anregen. Wir können also hier auf die verschiedenenMethoden zur Einleitung der künstlichen Frühgeburt verweisen.

Zunächst beginnt man mit der Darreichung von Seeale cor-nutum. Es ist ganz richtig, dies zuerst zu geben, wenn Wehen-schwäche vorhanden ist, weil dessen Wirkung nicht vor Ablauf einerViertelstunde zu erwarten ist. Nur soll man sich davor hüten,Zweifel, Geburtshülfe. 2. Aufl. 23