Die Bedeutung der Wehenschwäche. 351
Umgebung und dem Arzt eine grosse Geduldprobe auferlegt, aberungefährlich ist, wird die Wellenschwäche nach dem Blasensprungleicht verhängnissvoll für das Kind und bedenklich, für die Gesundheitder Mutter. Doch droht unmittelbare Lebensgefahr für dieletztere eigentlich erst durch das Fortdauern einer Wehen-schwäche in die Nachgebur.tsperiode. Das ist eine Erfahrung,welche besonders angehende Geburtshelfer recht beherzigen mögen.Sie ladet auf solche, denen wiederholt schwere Blutungen in der Nach-geburtsperiode ex atonia uteri widerfahren, die Schuld grosser Un-achtsamkeit in der Erfüllung ihres Berufes. Doch davon später.
Weil die Wehenschwäche in den einzelnen Geburtsperioden eineso verschiedene Bedeutung hat, war man bestrebt, dies durch Namenauszudrücken. Man nannte die schwachen und spärlichen Zusammen-ziehungen in der Eröffnungsperiode Trägheit (Inertia uteri), oder pri-märe Wehen seh wache und bezeichnete allgemein die schwachenWehen in der Austreibung als Atonia uteri oder seeundäre Wehen-schwäche. Gerade weil der Name atonische Blutungen in der Nach-geburtsperiode heute recht geläufig ist, kann es nur nützlich sein, diesenTerminus technicus für Wehenschwäche in der Austreibungsperiodebeizubehalten.
Die Ursachen der primären Wehenschwäche sind schwer zubestimmen. Man hat schon allgemeine Körperschwäche, schlechte Er-nährung u. dergl. erwähnt, muss aber doch zugestehen, dass die primäreUnthätigkeit oft bei solchen Frauen, die danach disponirt wären, um-sonst erwartet wird und gerade bei den robusten, kräftigen und musku-lösen Personen sich einstellt.
Bedeutung haben alle übermässigen Dehnungen des Uterus durchZwillinge oder Hydramnion, schlechte Einstellungen des Kindes, grosseJugend und ein vorgerücktes Alter, besonders bei Frauen, deren Uterusschon „viel geleistet" hat, die in wenig Jahren eine ganze Kinder-reihe zur Welt gebracht haben. Man vergesse aber auch nie, sichum den Füllungszustand von Mastdarm und Blase zu bekümmern.
Auf wesentlich anderen Verhältnissen beruht die seeundäreWehenschwäche oder die Atonia uteri. Ihr geht ein Stadiumguter Gebärmutterthätigkeit voraus, und sie ist die Ermüdung nachschwerer Arbeit. Das Auftreten dieser Wehenstörung stellt sich sohäufig bei Erstgebärenden ein, dass man den Eindruck bekommenmuss, sie entstehe vorzugsweise um der mühsameren Dehnung und Er-weiterung der Geburtswege willen.
Bei sehr vielen Primiparae quälen die Wehen über der Er-öffnung des Muttermundes viele Stunden lang. Wenn dann end-lich die Blase springt und der Kopf aus dem sich zurückziehendenMuttermund hervortritt, so versagt allmählich der gesammte Aus-treibungsapparat den Dienst. Gerade in dem Moment, wo grosseEnergie unerlässlich ist, um das zweite Hinderniss der nor-malen Weichtheile, nämlich den Scheideneingang zu über-winden, hören die Gebärmutterzusammenziehungen ganz auf und