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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
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295
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Die Schwangerschafts-Nephritis. 295

Für die grosse Zahl dieser Fälle ist keine Untersuchung des Urinsvor der Schwangerschaft bekannt; es kann nur aus dem Mangel anErscheinungen in der früheren Zeit und dem Hinzutreten von Oedemenu. dergl. während der Schwangerschaft mit Wahrscheinlichkeit ge-schlossen werden, dass die betreffenden Frauen vor der Gravidität nichtnierenkrank waren.

Aetiologie. Für die Erklärung dieser Krankheitserscheinungenbestehen mehrere Vermuthungen, deren zwei besondere Würdigung ver-dienen. Die Beweise für die eine oder andere Ursache müssen erstnoch gesammelt werden. Die eine Auffassung, aufgestellt von Frerichsund angenommen von Bamberger, Leitzmann, Rosenstein, Lange,Hohl, Möricke u. A. erklärt die Nierenveränderungen als Folge deserhöhten intraabdominalen Druckes und eines dadurch behinderten Ab-fluss des Nieren-Venenblutes, betrachtet also das Ganze als Stauungs-niere. Leyden gab der Veränderung den Namen Schwanger-schaftsniere.

Die andere Hypothese von Halbertsma leitet alles von einemDruck der schwangeren Gebärmutter und ihres Inhaltes aufdie Ureteren ab.

Ob eine solche mehr symptomatische Störung der Nierenfunctionenauch bleibende Erkrankungen, ob aus der Schwangerschaftsniere aucheine echte Nierenentzündung und Schrumpfung zurückbleiben könne,muss vorläufig noch dahin gestellt bleiben.

Merkwürdig ist es, dass wenn Gravidität zu einer schon bestehen-den und an zahlreichen Symptomen kenntlichen Nephritis hinzukommt,die Symptome gewöhnlich sich steigern, aber Eklampsie keineswegsimmer folgen muss.

Besonders ungünstig ist das Auftreten einer acuten Nephritis inder Schwangerschaft mit reichlicher Ausscheidung von Urin, baldigemAuftreten von Hämaturie. Hier erfolgt immer Eklampsie, Unterbrechungder Schwangerschaft und Absterben des Kindes. Es sind dies dieschwersten Formen von Eklampsie (siehe dort).

Eine höchst interessante und klinisch wichtige Beziehung zwischenNephritis und vorzeitiger Lösung der Nachgeburt stellte Winter auf.Es ist ein solcher Zusammenhang nicht unwahrscheinlich; denn dieNierenentzündung begünstigt an manchen Körperstellen degenerativeVeränderungen an den Gefässwänden und Blutungen ich erinnerenur an die Retina-Blutungen. Drei Patientinnen Winter's mit vor-zeitiger Lösung der normal sitzenden Nachgeburt waren nierenkrank.

In neuester Zeit erwähnte auch Fehling das Vorkommen deshabituellen Absterbens der Kinder bei nierenkranken Frauen. Be-merkenswerth ist auch hier, dass Fehling reichlich Fibrinknoten inden Placenten sah und möglich ist es, dass das habituelle Absterben insuccessiven Placentarblutungen geringeren Grades seine Erklärung fände.

Für die Therapie ist neben den gewöhnlichen Massregeln beiausgesprochener Schwangerschaftsnephritis wegen der Gefahr der Ek-lampsie die Einleitung der Frühgeburt indicirt (siehe Eklampsie).