290 Behandlung der Syphilis des Neugeborenen.
Die Behandlung muss zunächst eine prophylactische sein. Vordem Eintreten einer jahrelangen Latenz soll ein syphilitisch inficirtGewesener nicht heirathen. Es gibt leider immer Aerzte, die ge-wissenlos genug sind, bedrückte Gewissen zu ermuntern und sich nichtsdaraus machen, wenn völlig Unschuldige in einen recht gut vermeid-baren Jammer hineingezogen und elend gemacht werden. Bekannt istes ja, dass solche Heirathscandidaten, wenn ihnen 5 Aerzte zur Vor-sicht rathen und ein 6ter die Gefahr leugnet, auf den Ausspruch desLetzteren rasch die Ehe eingehen. Bekommen dann Frau und KinderSyphilis, so wird auf den Letzteren wacker gescholten. Ueber dieBehandlung der Lues der Eltern sprechen wir hier nicht: es ist diegewöhnlich übliche. Sie wird während der Gravidität erst recht an-gewendet.
Das Kind wird, wo es excoriirte Stellen hat, leicht mit Lapis-lösung geätzt. Gegen die Krankheit selbst verordne man, besondersbei Ausschlägen, Sublimatbäder, gewöhnlich 4 g auf 1 Bad (Zeissl'sFormel lautet Suhl. 2,0—5,0, Ammon. chlorat. 2,0, Aq. fönt. 100 d. s.Zusatz zu einem Bade). Besser als Bäder wirkt die innerliche An-wendung der Quecksilberpräparate oder eine Einreibekur. Wo Diar-rhöen es nicht verbieten, empfiehlt Zeissl zunächst Calomelpulver(Rp. Calomelan. oder Protojodureti Hydr. 0,15, Sacch. alb. 5,0 f. pulv.div. in part. aecmal. Nr. XII. d. s. Morgens und Abends 1 Pulver).Zur Einreibekur wird täglich 0,3—0,5 g Quecksilbersalbe genommenund jeden dritten Tag die Einreibung ausgesetzt und das Kind un-gefähr 1 J2 Stunde in ein Sublimatbad gebracht. Mit dem Schwinden deräusseren Merkmale muss die Kur auf kurze Zeit unterbrochen werden.Die Prognose ist immer schlecht, und wenn man schon an Er-folg zu glauben beginnt, so kann unerwartet ein solches scheinbar ge-heiltes Kind von Krämpfen befallen werden und rasch hinwegsterben.
Inhaltsübersicht.
1) Die Syphilis gehört sicher zu den Krankheiten, bei denen dasGift bei frischer Ansteckung wahrend der Schwangerschaft von der Mutterauf das Kind übergehen kann.
2) Andererseits kann die Krankheit selbst nach langer Latenz, so-wohl vom Vater als von der Mutter, auf das Kind übertragen werden.Wir müssen geradezu annehmen, dass von Seiten des Vaters die Samen-zellen Träger des Virus sind.
3) Bei Eintritt einer Schwangerschaft werden oft Frauen syphili-tisch krank, die vorher in längerer Ehe von dem betreffenden Mann nichtangesteckt wurden.
4) Eine ganz regelmässige Folge der Syphilis ist Abortus-und Frühgeburt (s. dort).
5) Die scheinbar gesunden Mütter syphilitisch geborener Kindersollen dieselben stillen, weil sie als latent syphilitisch zu betrachten sindund deswegen von einer Ansteckung beim Stillen verschont bleiben.