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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
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285
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Die Inf'ection des Kindes bei hereditärer Syphilis. 285

b) die Syphilis des Vaters latent ist, so werden dennochFrau und Kind inficirt. Die Frau kann eventuell längere Zeitvoran in ehelicher Gemeinschaft mit dem latent Kranken leben, ohneje Erscheinungen zu bekommen. Die Franzosen erklären dann dieErkrankung inter graviditatem alsChoc en retour", d. h. als eineErkrankung vom Kind aus und durch Vermittlung der Placenta aufdie Mutter übertragen, v. Bärensprung nahm dem entgegen an,dass der Same eines solchen syphilitischen Mannes unter gewöhnlichenUmständen für die Frau unschädlich sei, dieselbe aber inficire,wenn er sie befruchte.

c) Ist die Syphilis des Vaters durch die Länge der Zeitund vorausgegangene Kuren weiter abgeschwächt, so wirdnur das Kind angesteckt, die Mutter bleibt gesund.

d) Wenn endlich die Syphilis des Vaters schon in tertiäre Formenübergegangen ist, bleiben Mutter und Kind von der Infection verschont.Ist eine Frau an secundären Symptomen der Syphilis krank, so wirdsie entweder gar nicht concipiren, oder wenn ausnahmsweise dies dochgeschieht, so kommt Abort und Frühgeburt eines macerirten Kindes.Selbst bei längerem Verstreichen scheint die Syphilis der Mutter einendeletären Einfluss auf das Kind zu behalten, länger als die des Vaters,und elende Entwicklung des Kindes, wenn nicht sein Absterben zubedingen.

Diese Einschränkung der Conceptionsfähigkeit ist sicher nichtallgemein; denn sehr oft folgt ein macerirtes Kind dem anderen nach.

Ist die Syphilis in tertiäre Formen übergegangen, so wird dasKind nicht inficirt.

An diesen von Bärensprung entwickelten Lehrsätzen ist in denverflossenen Jahren nur wenig geändert worden. Nur so viel ist generellzu bemerken, dass die aufgestellten Sätze keinen Anspruch auf absoluteGültigkeit haben können, dass die Folgen der Lues iu jedem Stadiumdurch eine entsprechende Behandlung geändert werden, und schliess-lich, wie schon Paracelsus sagte,die Bosheit in den Eltern bleiben,und das Kind gesund geboren werden skann".

Die in praxi so äusserst wichtige Frage, ob scheinbar gesundeMütter die syphilitisch geborenen Kinder, welche ihre Krankheit vomVater haben, stillen dürfen, ist zu bejahen. Solche Frauen sind alslatent syphilitisch zu betrachten, weil bis jetzt nur drei Fälle bekanntsind, wo unter solchen Umständen Infection der Mutter durch das Kinderfolgte. (Drei Ausnahmen von dem sogenannten Colles'schen Gesetz,wonach eine Uebertragung nicht stattfinden könne.)

Zeigen Kinder, deren Mütter erst während der Gravidität mitSyphilis angesteckt wurden, post partum keine Symptome, so ist esgerathen, sie den Inficirten nicht an die Brust zu geben, weil siemöglicherweise noch immun sein können. Dass syphilitische Kindereine Amme anstecken können und deswegen von fremden Personennicht gestillt werden dürfen, halte ich bei der schrecklichen Be-deutung der Krankheit für selbstverständlich. Mindestens muss jede