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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
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281
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Typhus, Variola, Pneumonie. 281

verschont. Das merkwürdigste von allem ist, dass es Fälle gibt, woder Fötus in utero oder gleich nach der Geburt Variola bekommenkann, ohne dass seine Mutter davon befallen gewesen wäre (Fälle beiSedgwick: Med. Times 1871. Bd. I. p. 673, Laurens und Chan-treul: Arch. Tocolog. 1877, p. 760). Ging die Pockenkrankheit beieiner Gravida vorüber, so nehmen die Kinder keine Vaccine an.

So viel geht aus der Casuistik hervor, dass das Pockengift äusserstleicht auf Kinder übertragen wird, was auch die Vaccineimpfung be-stätigt, indem, wenn Schwangere revaccinirt werden, die Kinder keineImpfpusteln mehr zu bekommen pflegen. Bei Intermittens undCholera gehen die Kinder sehr leicht durch Wärmestauung oder durchAsphyxie zu Grunde.

Zu den schlimmsten aller acuten Infectionskrankheiten gehören diecroupöse Pneumonie und die Pleuritis. Der ersteren insbesondereerliegen auffallend viele Schwangere. Chatelain- 1 ) macht die Angabe,dass bei Pneumonie in den letzten drei Monaten der Gravidität dieHälfte der Befall anen zu Grunde geht. Durch die Geburt sah erhäufig selbst in bedrohlichsten Zuständen Besserung eintreten. Währenddies sehr günstig zu sein scheint für Empfehlung der künstlichenFrühgeburt, will Gusserow 2 ) dieselbe nicht befürworten wegen derdurch die Geburt bewirkten Störungen der Respiration. Fischel end-lich stellt 21 Fälle auf, die exspectativ behandelt wurden, von denennur drei starben. Die allgemeine Ansicht neigt dahin, bei Pneumoniedie Frühgeburt nicht einzuleiten.

Wesentlich die gleichen Grundsätze gelten auch für die Pleuritis.

Mehr und mehr Interesse gewinnt die Frage nach dem Zusammen-hang zwischen Erysipel und Puerperalfieber.

Bevor wir auf die Kritik anderer Meinungen eingehen, erachte ich es fürlehrreicher, einen hier beobachteten prägnanten Fall (beschrieben von Dr. D ö d erl ein)zu berichten. Es bekam eine Frau im Frühjahr 1887 ein schweres Erysipeldes rechten Armes von einem in den Finger eingestossenen Holzsplitter. Nochwährend der Behandlung der am Oberarm entstandenen Abscesse abortirte dieFrau. Im August wurde sie wieder schwanger und befand sich wohl bis AnfangJanuar 1888. Da ungefähr im 6. Monat traten wieder Blutungen auf. Deswegentrat die Frau in die Klinik ein. Wegen der anhaltenden Blutungen und desAbgehens alten geronnenen Blutes wurde unter allerpeinlichster Antisepsis die Früh-geburt eingeleitet bezw. befördert durch Einlegen von gefüllten Kautschukblasenin den Uterus. In wenig Stunden war die Ausstossung der Frucht und die voll-kommene Ausräumung der Gebärmutter vollendet.

Schon am Abend des ersten Tages bekam die Frau hohes Fieber, das biszu dem am 16. Tag erfolgten Tod anhielt. An den Genitalien war zu keiner Zeiteine Krankheitserscheinung wahrzunehmen, keine Spur von Peritonitis. Nur dieLochien enthielten Mikroorganismen, die alle Merkmale der Erysipelcoccen Fehl-eisen's trugen. Im weiteren Verlauf traten Entzündungen an mehreren Gelenken,Delirien, anhaltender Sopor auf. Noch während des Lebens wurde ausser denLochien das Blut untersucht und sofort nach dem Tode das eine entzündete Finger-

') Journ. de med. de Bruxelles, Ju et Juillet 1870, und Matton: ibid., Maiet Juillet 1872.

») M. f. G. 32. p. 87.