280 Ueber die intrauterine Ansteckung.
Kreislauf eines Mutterthieres in das Blut des Jungen überzuführen. Eine ganzeZahl von Versuchen 1 ), die oben schon erwähnt wurden, hatte ein positives Re-sultat und vermochte den Uebergang geformter Elemente aus dem mütterlichenBlut in den Kreislauf des Fötus nachzuweisen. Wir müssen mit dem Resultatdieser Experimente rechnen, um so mehr, als im Lauf der letzten Jahre auch Ver-suche mit der Einverleibung von Mikroorganismen bei trächtigen Thieren einUebergehen in den Organismus der Jungen nachwiesen. Frühere Experimentedieser Art hatten ein negatives Resultat ergeben. (Brouell: Virch. Arch. Bd. XIV.,Davaine: Recueil d. med. veter. 1868, und BoHingen Deutsche Zeitschr. für Thier-medicin Bd. I. p. 5 f., hatten bei Milzbrandübertragung negative Resultate gehabt.Es sind in den letzten. Jahren Versuche mit positivem Erfolg veröffentlicht worden.)
Bei den Obermeier'schen Spirillen des Recurrens wurden von Spitz inBreslau (Notiz bei Spiegelberg, Lehrb. 2. Aufl. p. 242) und von Alb recht (Petersb.med. Wochenschr. 1880. Nr. 18) Exemplare auch im Blut des Fötus beobachtet.Doch Hesse sich aus dieser Thatsache noch kein Allgemeinschluss ziehen. DieSpirillen haben bei ihrer bohrenden Bewegung eher die Möglichkeit, Membranenzu passiren, als andere Mikroben.
Noch vor ein paar Jahren, als der Uebergang geformter Elemente nochnicht feststand und nur gasförmige und gelöste Stoffe im Blut des Fötus nach-gewiesen waren, konnte man über den verschiedenen Charakter einzelner In-fectionsstoffe Vermuthungen hegen, die heute nur mehr mit grosser Einschränkunggültig sind. Da ein grosser Unterschied zwischen den einzelnen Krankheiten inBeziehung auf intrauterine Infection des Kindes besteht, und in dieser Beziehung sichdie Variola vollständig anders verhält als Syphilis, kam ich zu der Vermuthung,dass es sich bei der ersten Krankheit um ein gelöstes oder lösliches, bei derSyphilis um ein an Zellen gebundenes Gift handle. Das stimmte kurze Zeit langgut zusammen. Von Bärensprung und Kassowitz war gelehrt worden, dassdie Syphilis von einer post conceptionem inficirten Mutter nicht auf den Fötusühertragen werden könne; von einer grossen Zahl von Autoren war angenommen,dass das Gift der Lues nur an weissen Blutkörperchen hafte; andererseits liess sichnicht leugnen, dass die Pocken mit grosser Regelmässigkeit auch auf den Fötusübergehen. Das Facit dieser Betrachtung war: das Gift der Variola ist gelöst,der Infectionsstoff der Syphilis haftet an Zellen, und da Zellen gerade wie feinsteMolecule nicht in die Circulation des Fötus überzugehen vermögen, bleibt einFötus von einer syphilitischen Infection unter graviditatem verschont. Dieses logischeKartenhaus ist umgeblasen worden. Die Syphilis haftet nicht allein an weissenBlutzellen, sie geht auf den Fötus über, feinstens pulverisirte Stoffe lassen sichauch im fötalen Organismus wieder finden. Dennoch bleibt der klinische Unter-schied zwischen der Ini'ectionsmöglichkeit der einzelnen Krankheiten bestehen; nurkann er nicht mehr in obiger Weise erklärt werden.
Ueber die einzelnen acuten Infectionskrankheiten können wir unsnunmehr um so kürzer fassen. Dass und warum die Unterbrechungder Gravidität beim Typhus so häufig vorkomme, wurde oben erwähnt.Was die Häufigkeit betrifft, so gibt Kaminsky unter 98 Fällen 63maldieselbe an. Zülzer auf 24 Fälle 14mal, Scanzoni auf 10 6mal rdurchschnittlich in 63°/o.
Bei Variola kommen alle Variationen vor: Unterbrechung mitlebender Frucht oder nach dem Fruchttod, Pockenübertragung aufden Fötus, der mit Pusteln oder Narben geboren wird, oder erst späterdas Exanthem bekommt, oder endlich post partum keine Impfung an-nimmt. Bei Zwillingen wurde schon der Eine befallen, der Andere
] ) Reitz: Central«, f. d. med. Wissensch. 1868. Nr. 41. Mars: siehe C. f.G. 1881. Nr. 1.