274 Die Herzhypertrophie Schwangerer. — Geschichtlicher Ueberblick.
Nach Ausschaltung solcher Fälle erhielt Löhlein als Resultat, dass eine Herz-hypertrophie bei Schwangeren nicht vorhanden sei.
Eine noch gründlichere Arbeit folgte darauf von Wilh. Müller (Jena),dessen Resultate darin gipfeln, dass zwar bei Schwangeren eine Hypertrophie desHerzens vorkomme, aber keineswegs in dem von Larcher u. A. angenommenenGrade, dass vielmehr die Herzzunahme sich innerhalb der Schranken bewege,welche der Körperzunahme überhaupt entspreche; denn bei jeder Körperzunahme,möge die Ursache eine beliebige sein, nimmt auch die Masse der Herzmuskulaturzu : ). Diese von W. Müller genau nachgewiesene Massenzunahme, die als Folgeder normalen Gravidität anerkannt werden muss, kommt dem linken Ventrikelin etwas höherem Grade zu gut, als dein rechten. Es zeigt sich also, dass zwarselbst bei Larcher ein Fünkchen Wahrheit steckte, aber die weitere Geschichtedieser Lehre verlief genau nach den berühmten Goethe'schen Worten: In buntenBildern wenig Klarheit, Viel Irrthum und ein Fünkchen Wahrheit etc. etc.
Der klinische Nachweis einer Vergrösserung der Herzdämpfung ist schon vonGerhardt 2 ) angefochten und widerlegt worden. Die Herzdämpfung nimmt zuum des höheren Zwerchfellstandes willen.
Mit der ganz unerheblichen Massenzunahme, die nur der allgemeinen Körper-zunahme entspricht, fällt wohl auch der supponirte grössere Widerstand im Ge-fässsystem. Was die Erhöhung des intraabdominellen Druckes betrifft, so ist einesolche unzweifelhaft vorhanden. Ob aber dies zur Entstehung eines wesentlich er-höhten Druckes in der Aorta und zu Herzhypertrophie führen müsse, kann nichtsofort daraus gefolgert werden. Es müsste dann gleicherweise, wie der schwangereUterus auch ein ebenso grosses Fibroid oder Kystom Herzhypertrophie machen.Dies ist aber bis jetzt nicht einmal vermuthungsweise angenommen worden.
Herzkrankheiten sind überhaupt für alle davon Befallenen eineunheimliche Bescheerung, ein wahres Damoklesschwert. Die Aerztewissen, wie wandelbar das Wohlbefinden dabei ist und wie auch beieiner ausgezeichneten Compensation, welche die Kranken gar nichtahnen lässt, was ihnen fehlt, ganz unerwartet Circulationsstörungeneintreten können. Davon sind nun Schwangere nicht ausgenommen,sie mögen sogar, wenn Compensationsstörungen kommen, aus leichtbegreiflichen Gründen unbehaglicher, gehemmter sein, ja, ich bin directder Ansicht, dass sie dabei gefährdeter sind, als sonst. Dassjedoch die Schwangerschaft bei Herzfehlern an und für sich Gefahrbringe, dass dieselbe die Compensationsstörungen fast regelmässigmachen müsse, diese Auffassung entspräche den Thatsachen nicht.Diesen Schein hinterliessen aber manche Betrachtungen über die Be-deutung der Herzkrankheiten, die den Anlass zu den Compensations-störungen in der Schwangerschaft als solcher erblickten und dann dieseSätze verallgemeinerten.
Evidente Herzfehler können auch während einer, ja selbst beiwiederholter Schwangerschaft, ganz gut conrpensirt bleiben. Kommtaber irgend ein Moment, das die Compensation stört, so entstehendieselben Athmungsbeschwerden, Cyanose u. s.w., wie dies bei Klappen-fehlern gewöhnlich ist. Dass hiebei die Schwangerschaft, die Geburt
J ) Dieser Satz wird auch bestätigt vonThoma, Untersuchungen über Grösseund Gewicht der anatom. Bestandtheile des menschl. Körpers, aus dem patholog.Institut Heidelberg 1883.
2 ) De situ et magnetudine cordis gravidarum. Jena 1862.