272 Progressive perniciöse Anämie.
Zur Besserung der Blutbeschaffenheit wird neben allgemein diäte-tischen Massregeln eine leicht abführende Kur und Einschränkung derFlüssigkeitsaufnahme das rationellste sein. Wir sahen eine solche Gra-vida, wo alles ohne Therapie gut wurde.
Ob die progressive perniciöse Anämie einfache Steigerungder physiologischen Aenderungen in das Pathologische sei, muss dahin-gestellt bleiben. So viel ist anzuerkennen, dass die Schwangerschaftderen Entstehung begünstigt. Das Wesen der Krankheit ist ein Zer-fall der rothen Blutkörperchen und eine Verwässerung des Blutes. DieSymptome sind höchste Anämie, Hinfälligkeit, Schwäche, die anatomi-schen Veränderungen Verfettung des Herzmuskels, der Intima derArterien, Netzhautblutungen.
Die Erkrankung macht sich meist erst in der zweiten Hälfte derGravidität bemerklich. Sie ist gefährlich und zwar z. B. in einzelnen derZüricher Fälle die beste Pflege und Nahrung nicht mehr im Stand,den schlimmen Verlauf aufzuhalten. Wenn einmal die Krankheit aus-gebrochen ist, lautet die Prognose sehr schlecht. Gräfe hat 25 Fällezusammengestellt, es starben davon fast alle.
Die Erkennung der Krankheit soll ausser durch die Anämie durchden mikroskopischen Nachweis der Verarmung des Blutes an rothenKörperchen, besonders an der Birnform einzelner derselben gesichert sein.
Therapeutisch ist jedenfalls die Unterbrechung der Schwanger-schaft angezeigt und zwar nicht in extremis, weil sie dann auch nichtmehr rfetten kann. Die Transfusion hat bis jetzt keine Erfolge auf-zuweisen. Die Frühgeburt ist bisher einmal mit Erfolg gemacht worden.Aber man kann, da von Biermer und Immermann auch ohnediesguter Verlauf gesehen wurde, den Erfolg nicht unmittelbar auf dieUnterbrechung der Schwangerschaft schieben.
Die Vermehrung der Blutquantität erklärt die vielfach wäh-rend der Schwangerschaft auftretenden Erscheinungen von Plethora,Schwindel etc. Die Stauungen im Venenkreislauf und daraus folgendenVaricen sind so häufig, dass sie der Volksmund ohne weiteres Kinds-adern nennt. Bei richtiger Behandlung sind dieselben an den Unter-extremitäten, selbst wenn sie platzen, nicht gerade gefährlich. Anden Schamlippen ist ihr Bersten weit bedenklicher x ). Aber dieserichtige Behandlung kann man von den Laien nicht erwarten. Dieselaufen bei dem plötzlich hervorschiessenden Blutstrom, statt das Lochzu verstopfen, davon, um einen Arzt zu holen, und lassen das Blutfliessen. Wenn jemals ein Zapfen aus einem vollen Fass springt, soläuft der dümmste Mensch nicht weg, sondern stopft das Loch zu;aber Blut ist freilich ein anderer Saft. Bei Mangel an Behandlungist natürlich Verblutung möglich. Spiegelberg berichtete von viersolchen Todesfällen nach geborstener Varix. Es ist allen mit Varicenbehafteten Frauen der Rath zu geben, während der Schwangerschaft
') Vergl. Zweifel, Krankheiten der äusseren weibl. Genitalien. Stuttgart1885. p. 62.