Progressive perniciöse Anämie. 271
Bei der 5. Schwangerschaft einer 32jährigen Frau war das unstillbareBrechen im 2. Monat aufgetreten. Weil sie sehr elend schien, wurde vom behan-delnden Arzt mit einem consultirten Collegen in Chloroformnarkose der Versuchzur Einführung der Uterussonde gemacht. Es gelang dies nicht, und auf Wunschder Angehörigen wurde ein dritter College zugezogen, der sich gegen den künst-lichen Abortus aussprach. Nun wurde ich als Vierter gerufen und stimmte eben-falls gegen die Unterbrechung der Schwangerschaft. Die Kranke blieb die ganzeZeit im Bett, erhielt Nährklystiere, feucht-warme Umschläge über die Magen-gegend und ganz geringe Quantitäten, d. h. je einen Theelöffel voll Wein, Milch,Bouillon etc. in kurzen Zwischenräumen. Langsam, nur im Lauf von Wochen,besserte sich der Zustand, verlor sich das Brechen. Die Frau machte den Restder Schwangerschaft gut durch und wurde rechtzeitig von einem lebenden Kindentbunden.
Inhaltsübersicht.
1) Die greifbaren Ursachen des übermässigen Erbrechens sind Lage-veränderungen , Entzündungen der Gebärmutter, Nierenkrankheitenu. der gl. mehr. Es gibt jedoch viele Fälle, ioo man keine palpableUrsache finden kann.
2) Von guter beruhigender Wirkung ist Bettlage und ein zeitweiligesAussetzen des Essens und Trinkens.
3) Der künstliche Abortus soll nur in Fällen dringender Noth undauf bestimmte Indicationen ausgeführt werden.
b) Die Blutalterationen und deren Folgen.
Literatur.
Progressive perniciöse Anämie.Gusserow: A. f. Gr. Bd. II. p. 218. — Quincke: Volkmann's Samml. klin.Vortr. Nr. 100. 1876. — Müller, Hermann: Die progressive perniciöse Anämie.Zürich 1877. — Gräfe: Ueber den Zusammenhang der perniciösen progressivenAnämie mit der Gravidität. Diss. Halle 1880. — Eichhorst: Die progressiveperniciöse Anämie. Leipzig 1878.
Die normale Schwangerschaft vermehrt und verwässert das Blut.Diese Aenderungen, speciell die erstere, kommen, so weit dies nach-weisbar ist, erst in der zweiten Hälfte zu- Stande. Es bekam dieseBlutveränderung von Kiwisch den Namen der serösen Plethora.
Diese physiologischen Veränderungen werden im allgemeinen garnicht empfunden. Ausnahmsweise aber, sei es, dass die Veränderungendas gewohnte Maass überschreiten, sei es, dass die Individuen empfind-licher sind, macht sich eine Rückwirkung auf den Gesammtorganismusder Mutter geltend.
Ein wässeriges Blut neigt mehr zu Transsudaten. Das sieht undweiss man von Nierenkrankheiten. Man wundert sich dort nicht darüber,wenn bald da, bald dort Oedeme auftreten, heute die Beine, morgendas Gesicht anschwillt. Dasselbe kann nun aber bei Schwangerenohne Albuminurie, ohne eine Spur von Nierenaffection auftreten. Manmuss wissen, dass dies vorkommt, ohne schlimme Bedeutung zu besitzen,sonst bringen die fliegenden Oedeme grosse Sorge.