Die habituelle Frühgeburt. 207
in nach einander folgenden Schwangerschaften Unterbrechung bringenkönnte. Zwar gibt es immer Fälle, besonders in den besseren Familien,wo man aus Rücksicht auf die moralische Beurtheilung ein Hinter-thürchen offen halten möchte, und sehen sich immer einzelne Autorenbemüssigt, unbekannte Möglichkeiten anzunehmen. Meistens erfährtman von wahrheitsgetreuen Männern, dass sie vor der Ehe an Lueskrank waren, von der grossen überwältigenden Mehrzahl schliesst manauf alle Fälle, wird dann aber stutzig, wenn ein sonst ehrenwertherMann mit unerschütterlicher Festigkeit behauptet, stets in puncto ge-sund gewesen zu sein. Ich habe darin eine höchst lehrreiche Erfah-rung gemacht. Ein Herr der höchsten Gesellschaftskreise hielt mirgegenüber die absolute Verneinung fest, trotzdexu dessen Ehefrau baldhabituelle Frühgeburten durchmachte, bald die Kinder an „Gefraisch"(Convulsionen) in frühester Kindheit verlor. Ich konnte nur eines derintrauterin abgestorbenen Kinder sehen, es hatte sichere Zeichen vonSyphilis. Trotzdem leugnete der Herr fortwährend. Meine Verwunderungwuchs, bis ich zufällig mit dem Hausarzt aus der Familie der Damezu sprechen kam und dieser mir mittheilen konnte, dass er das Fräuleinseiner Zeit an einer Krankheit behandelt hatte, die sicher Syphilis war.Von der Frau glaubt man dergleichen nicht, wenn sie aus guterFamilie stammt. Wehe denen, die in ihrem Leiden vom Arzte nichterkannt, ihrem Schicksal überlassen bleiben; sie müssen übermässighart für ihre Jugendsünden büssen. Jedes ehemalige Dienstmädchenist besser daran; denn gleichviel ob es leugnet oder zugesteht, so wirdein Arzt sicher immer eine Schmierkur einleiten, weil die Möglichkeitzur Ansteckung viel näher lag.
Es ist klar, dass in solchen Fällen das einzig richtige Mittel ist,eine antisyphilitische Kur einzuleiten, selbst wenn eine Infection ge-leugnet wird, und zwar für beide Eltern. Wenn die Sypnilis geleugnetwird oder der Arzt nicht einmal die Frage wagen darf, so muss dieBehandlung unter nothdürftigen Vorwänden „zur Blutreinigung, zurStärkung der Gebärmutter, zur allgemeinen Kräftigung etc. etc." ein-geleitet werden. Wo möglich sende man die Ehegatten in ein Bad,wo dann ein College auf Verabredung die äntisyphilitische Behandlungals „kurgemäss" vorschreibt.
Ueber Syphilis des Eies siehe unten.
Inhaltsübersicht.
1) Der Abortus kommt ungemein hchifig vor (1:8 normalen Ge-burten) und stellt sich am ehesten ein im 3. und 4. Monat.
2) Zur Erklärung der spontanen Abgänge muss das Augenmerkhauptsächlich auf Erkrankungen des Eies gerichtet und jedes abgegangenegenau darauf untersucht werden.
3) Das Hauptsymptom eines Abortus ist eine Blutung, die um sostärker und gefährlicher wird, je langsamer die Lösung und Ausstossungdes Eies erfolgt.