258 Symptome und Verlauf des Abortus.
Wir citiren hier nur einen Autor, Th. Stratton *), der die An-gabe macht, dass selbst bei Abwesenheit von Sturm viele Aborte undGeburten bei den transatlantischen Reisen vorkommen. Es ist bekannt,dass selbst Auswanderungsagenten davon wissen und darauf aufmerksammachen. Dann ist von Bergwerksärzten schon aufgestellt worden, dassFrauen und sogar solche, welche in glücklichen äusseren Verhältnissenlebten, wenn sie längere Zeit auf oder nahe bei den Silberhüttenwohnten, häufig und zuletzt habituell von Abortus befallen wurden 2 ).
Auch der chronischen Bleivergiftung wird ein Einfluss auf dasZustandekommen von Abortus und Metrorrhagien zugeschrieben 3 ). DieseVermuthungen verdienen die grösste Aufmerksamkeit der Aerzte, jedocherst eine umfassendere statistische Bearbeitung, bevor sie Gültigkeitbeanspruchen können.
Symptome, Verlauf. Der Abortus beginnt in der Regel miteinem Blutabgang. „Die Periode ist nach dreimonatlicher Pause wiedereingetreten", sagen die Frauen am ersten Tag, bis die Stärke derBlutung sie bald eines anderen belehrt.
Das Blut kommt aus den Gefässerweiterungen der Uterusschleim-haut, in welche die Chorionzotten eingetaucht waren. Beim Zurück-ziehen der letzteren fliesst das Blut nach aussen. Die Stärke derBlutung hängt von der Grösse der gelösten Eiperipherie ab, die Dauerdes Blutabganges von der Schnelligkeit, mit der das Ei in toto gelöstund in den Cervicalkanal ausgetrieben wird. Wir können uns auch soausdrücken, die Dauer der Blutung ist im allgemeinen abhängig vonder Energie der Gebärmutter. Je lebhafter diese sich zusammenzieht,um so rascher hört die Blutung auf. Doch äussern sich die Zusammen-ziehungen gewöhnlich nicht so schmerzhaft wie die Wehen am Endeder Schwangerschaft. Darin besteht vielmehr ein grosser Unterschied.Die Contractionen werden als dumpfer Schmerz und Druck im Leibempfunden. Wo das Ei schon voran welk geworden, der Fötus ab-gestorben, pflegt die Blutung geringer zu sein. Die alten Aerzte be-schrieben als Zeichen des Abgestorbenseins, dass die Schwangere dasGefühl der Schwere im Unterleibe und beim Umlegen die Empfindunghabe, als ob ein schwerer Klumpen hin- und herfalle.
Eine bestimmte Zeitdauer lässt sich für den Verlauf des Abortusnicht annähernd angeben. Die Blutung ist häufig sehr stark und lebens-gefährlich. Wenn sie auch gewöhnlich mit einer tiefen Ohnmacht undschweren Anämie aufhört, so ist schon dies schlimm genug. Ein junges,,kräftiges Dienstmädchen, welches wegen eines Abortus auf einen Wagengelegt und ohne Tamponade zwei Stunden weit zur Klinik gefahrenwurde, sahen wir verblutet im Hof der Entbindungsanstalt ankommen!Gelegentlich wird der Abortus durch ein Absickern einer ge-ringen Quantität bräunlich, kaffeeähnlich gefärbten Blutwassers, d. h.
') Edinburgh med. Journ. 1850. Jan.
2 ) Sander, Citat, Schmidt's Jahrb. Bd. XII. p. 285.
3 ) Benson Baker, Obstetr. Transaot. VIII. 1867. p. 41.