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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
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255
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Häufigkeit und Aetiologie des Abortus. 255

Zu dieser Zeit genügt oft der geringste Anlass zur Störung derSeh wangerschaft.

Aetiologie. Wir haben in den vorangegangenen Sätzen dieDisposition zu Abortus angegeben, die erklärt, warum derselbe zu be-stimmter Zeit besonders leicht eintritt. Es hat aber eine sehr grossepraktische Bedeutung, zu erfahren, welche Anlässe genügen, um denAbortus zu veranlassen und auf der anderen Seite auch wieder festzu-stellen, wie viel oft die Frauen zu derselben Zeit durchmachen, ohneSchaden zu nehmen.

Statistische Nachweise über die Häufigkeit des Abortus gelingenimmer nur höchst unvollkommen, weil sehr viele verlaufen, ohne dassAerzte oder Hebammen etwas erfahren.

Es muss deswegen jede Statistik bedeutend hinter der Wirklich-keit zurückbleiben. Und doch ergeben die vorhandenen Statistikeneine ausserordentliche Häufigkeit. Busch nahm als Verhältnisszahlzwischen Abortus und rechtzeitiger Geburt 1 : 5,5 an. Whitehead *)kam bei seinen Nachforschungen zu dem Resultat, dass mehr als 37von 100 Müttern einmal abortiren, bevor sie 30 Jahre alt werden, undHe gar stellte als Häufigkeitsverhältniss zwischen Abortus und nor-maler Geburt 1 : 8 auf.

Unter den Momenten, die bei Disponirten einen Abortus herbei-führen, wird man natürlicherweise dem Trauma in irgend einer Formdie grösste Bedeutung und die häufigste Veranlassung zuzuschreibengeneigt sein. Und doch herrscht gerade bei Beurtheilung der trau-matischen Veranlassung die allergrösste Unsicherheit.

Wir erwähnen hier absichtlich Fälle, wo gewaltige Traumenkeinen Abortus, selbst nicht in der geeignetsten Zeit, veranlasst haben.

Es ist von Mauriceau 2 ) ein Fall beschrieben, wonach eine imsiebenten Monat Schwangere sich an zusammengeknoteten Tüchern ausdem dritten Stock eines Hauses herunterlassen wollte, um der Feuers-gefahr zu entgehen. Die Tücher rissen, sie stürzte aufs Pflaster, brachden Vorderarm, aber entging der Frühgeburt. Grenser erwähnt einenFall, wo eine Frau gegen die Hälfte der Schwangerschaft in einenBrunnen fiel, ohne dass die Frucht abging. .

Das sind die frappanten Beispiele, wozu man noch eine ganzeReihe von Einwirkungen zählen kann, die das tägliche Leben mit sichbringt, die von den einen ohne den geringsten Schaden während derSchwangerschaft ertragen werden, so z. B. das Fahren auf holperigenWegen, grosse Eisenbahn-, ja sogar Seereisen, während andere auf diegleiche Einwirkung abortiren. Es geht daraus hervor, dass das Ver-hältniss zwischen Disposition und traumatischem Anlass gar nicht genauanzugeben ist, dass man also auch bei der Deutung der Aetiologie sich

') On the causes and treatment of abortion and sterility etc. London 1847.2 ) 0 I iservations sur la grossesse et l'accouchement des femmes etc. Paris1G95. (Obs. 242.)