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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
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Es gibt kein Milchfieber. 233

Zufall. Die Milchstase für sich macht auch keine Entzündung undEiterung der Brustdrüse, diese hat jedesmal ihren Ursprung in ersterLinie in den Schrunden der Brustwarze, und kann die Stase höchstensals begünstigendes Moment betrachtet werden. Also bekommen auchnicht diejenigen Frauen die Phlegmonen der Mamma, welche nicht stillenum der Milchstauung willen, sondern gerade diejenigen, welche durchdas Saugen des Kindes sich die Rhagaden und Schrunden der Warzezuziehen.

Diese Verhältnisse hat die regelmässige Thermometrie festgestellt.Wenn auch Fälle, wie sie jüngst Küstner erwähnt hat, vorkommen,so sind dies Ausnahmen.

Es gibt noch einen Grund, welcher zeigt, dass die Retention derMilch keine Erhöhung der Körpertemperatur, kein Fieber macht, näm-lich der bei Nichtstillenden zu machende Nachweis des Milchzuckersim Harn. Es ist der Nachweis des Milchzuckers im Harn von PaulKaltenbach erbracht worden, und der Befund ist leicht zu controlirengerade auch bei solchen, die trotz der nachgewiesenen Resorption voll-ständig normale Temperatur behalten.

Man kann fragen, warum so viel auf den Satz zu halten sei,dass es kein Milchfieber gebe ? Einfach weil von den Practikern gar zugern jede Erkrankung der ersten Tage auf das Milchfieber geschobenwird. Wenn auch zuzugeben ist, dass das Einschiessen der MilchGelegenheit zu einer Steigerung der Körpertemperatur um einigeZehntel geben könne, so verführt die Lehre vom Milchfieber leicht zueiner Verallgemeinerung, die den Arzt zur rechten Zeit von gewissen-haftem Untersuchen und zweckentsprechender Behandlung zurückhält.Am ersten Tag heisst der Arzt die Krankheit ,, Milchfieber" und schei-det mit dem Trost, dass es gar nichts zu bedeuten habe. Am folgendenTag dauert das Milchfieber schon auffallend lange und am dritten Tag,wenn Schüttelfrost und Schmerzhaftigkeit im Unterleib dazu gekommen,ist auch der Arzt überzeugt, dass er sich in der Diagnose Milchfieberirrte. Sicher ist dadurch oft die günstige Zeit zur richtigen Behand-lung unwiederbringlich versäumt.

Im Interesse der Schulung liegt es, .die angehenden Aerzte stetsdarauf hinzuweisen, beim Eintritt von Fieber den Anlass dafürin den Genitalien zu suchen. Je mehr sie sich diese Maximeangewöhnen, desto häufiger finden sie auch dort den Anlass und be-seitigen ihn.

Die Körpertemperatur ist bei den Wöchnerinnen, wenn sieauch in der Regel die Grenze des Normalen nicht überschreitet, dochin einem labilen Gleichgewicht. Ausserordentlich leicht, auf diegeringfügigsten Anlässe, können Steigerungen auftreten. Am erstenTag sieht man gelegentlich als Nachwirkung von der Geburt eineKörperwärme einige Zehntel über 38° C. Eine solche Höhe kanndie Einleitung zu den prognostisch schwersten Erkrankungen sein. Obes dies ist oder harmlose Reaction nach der Geburt, muss sich ausallen anderen Symptomen, hauptsächlich aus der Frequenz des Pulses