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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
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232 E s gibt kein Milchfieber.

diejenigen mehr darunter zu leiden haben, die eine rasche, fast wehen-lose Geburt durchgemacht hatten.

Solche Veränderungen, wie die eben an der Gebärmutter ge-schilderten, können nicht ohne nachhaltige Beeinflussung des Gesammt-organismus einhergehen. Ja man muss sich höchlichst wundern, dasseine so massenhafte Resorption vor sich gehen kann, ohne intensiveKrankheitserscheinungen hervorzurufen. Unter anderen Verhältnissenwürde man es nicht anders erwarten, als dass die Resorption einespfundgrossen Stückes Gewebe, das halb ausser Ernährung gesetzt derregressiven Metamorphose anheimgegeben ist, Fieber machen müsste.Wir sehen aber, dass das Wochenbett in der Mehrzahl der Fälle, jawir können sagen normalerweise immer ohne Fieber verläuft.Es ist die Wärmeregulation bei diesen grossen eingreifenden Umwäl-zungen wunderbar eingerichtet. Zur Zeit der Krasenlehre, wo Hyper-ämie, Congestion etc. schon als Fiebersymptome galten, da waren Ge-burtshelfer und Aerzte freilich anderer Ansicht.

Es gab eine Zeit, da es als Regel galt, dass eine Wöchnerin inden ersten Tagen, besonders wenn die Milch einschiesse, Fieber be-komme. Es harmonirten ja auch die Erscheinungen mit dieser Auf-fassung; denn die meisten Frauen, gerade die Erstgebärenden, bekommenan diesen Tagen recht häufig Anlass zu Aufregungen. Das Kind sollan die Brust gelegt werden, die Mutter ist unerfahren, ungeschickt,weiss die Brust nicht recht zu fassen und dem Kind zu bieten, dieseshinwieder bekommt keine Nahrung, lässt die Warze immer wieder losund schreit. Endlich liegt die junge Mutter schweisstriefend und ingrösster Aufregung da. Besucht sie ein Arzt, so findet er die Pulserascher schlagen, den Kopf geröthet, vielleicht auch Kopfweh, vielSchweiss etc. etc. Dies wurde in früherer Zeit von den Aerzten alsFiebererscheinung aufgefasst. Doch das Thermometer hat diese An-sichten gründlich über den Haufen geworfen. Das ist noch kein Fieber,die Körpertemperatur braucht deswegen nicht erhöht zu sein. Nunkommen ja freilich recht häufig am dritten und vierten Tage desWochenbettes, meist zu gleicher Zeit mit der grössten Schwellung derBrustdrüsen, Fieber vor, und deswegen hat auch die Anwendung desThermometers die Ansicht noch nicht vollständig beseitigt, dass dasMilcheinschiessen Fieber mache. Die Brust wird in diesen Tagen hochangeschwollen und empfindlich, heiss und von durchscheinenden Ge-fässen durchzogen. Was Wunder, wenn in früherer Zeit die Aerzteden Beginn einer Entzündung annahmen und die Entstehung des Fiebersvon der Brust aus erklärten, denn sie hatten ja die vier Cardinaleigen-schaften der Entzündung: Tumor, dolor, calor, rubor.

Und dennoch ist diese Anschauung nicht richtig. Es gibt keinMilchfieber. Das Einschiessen der Milch in den ersten Tagen, magdie Brust noch so gross und schmerzhaft werden, sieht man unzählige-mal ohne eine Temperaturerhöhung vorübergehen. Diejenigen hin-gegen, welche Fieber wirklich bekommen, haben selten gerade auchErscheinungen von Seiten der Brustdrüse und wenn doch, so ist dies