Druckschrift 
Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
222
Einzelbild herunterladen
 

222 Stickstoffoxyclul-Sauerstoff-Narkose.

überwunden. Die narkotische Wirkung kommt dabei voll zur Geltung,wogegen die Mischung des Stickstoffoxyduls mit gewöhnlicher Luft sichnicht als ausreichend erwies.

Personen, welche zur Schmerzstillung dieses Gasgemisch benützen sollen,müssen aber tief, recht tief einathmen können. Wer dies unterlässt oder ausübertriebener Aengstlichkeit nicht thut, verschwendet das Gas und spürt keineWirkung. Nur durch tiefe Inspirationen kommt das Gas in genügender Quantitätzur Resorption. Das Gefühl bei der Einathmung ist ganz wunderbar. Nachwenigen, ca. 610 tiefen Athemzügen verspürt man am Scheitel ein Prickeln undKitzeln in der Haut, das sich vom Scheitel aus über Kopf und Rumpf gegen dieUnterextremitäten verbreitet. Das Gefühl ist zu vergleichen mit der Empfindungbeim Ueberstreichen eines elektrischen Pinsels. Eine gewisse Schwere und Be-nommenheit bemächtigt sich des Athmenden, in den Ohren beginnt ein Hämmernund Schiessen, das rasch in weite Ferne rückt und beim Aufhören mit Windeseilesich wieder nähert.

Die Vortheile dieser Anästhesirung sind die Ungefährlichkeit, die Raschheitbeim Beginn der Narkose, der sofortige Nachlass aller Symptome bei Unter-brechung der Einathmung, Mangel aller unangenehmen Nachwirkungen und, wasdie Hauptsache bei den Geburten ist, keine Aufhebung der Reflexe, keineAusschaltung der Bauchpresse und keine Minderung der Wehen-thätigkeit. Wir haben nur recht selten und dann auch stets nur einen be-deutungslosen Einfiuss hierauf gesehen.

Bei einer grossen Geburtenzahl und vielen kleineren Operationen, Kolpor-raphien, Perineorrhaphien, kleinen Exstirpatiouen, aber auch bei Wendungen,Extractionen und Placentarlösungen haben wir diese Anästhesirung angewendetund daran als besondere Annehmlichkeit empfunden, dass die Anästhesie so rascheintritt.

Für die Privatpraxis lässt sich das Gas in grosse, Reisetaschen ähnlicheGummisäcke überfüllen und z. B. in Droschken bequem ins Haus der Kreissendenmitnehmen. Immer braucht man bei Geburten zwei solcher Säcke zum Wieder-füllen des einen, wenn der andere in Gebrauch ist (vergl. die Mittheilungen vonKlikowitsch und Döderlein).

Die Nachtheile sind die umständliche Transportfähigkeit. Doch ist diesemUmstand neuerdings dadurch abgeholfen worden, dass die Firma Ash & Sons,Berlin, auf Anregung meines früheren Assistenten Dr. von Swiecicki (vergl.C. f. G. 1888, p. 697) das Gasgemisch comprimirt, in eisernen Flaschen in coiu-pendiöser Form in den Handel bringt.

In der unten citirten ersten Arbeit über den Einfiuss der Chloroformnarkoseauf die Fötus kam ich zu der Vermuthung, dass häufiger als sonst Icterus neona-torum darauf folge. Nun kommt diese Gelbfärbung aber so häufig vor, dass ichder von Kehr er berechneten Allgemeinhäufigkeit gegenüber die Frage unent-schieden lassen musste. In einer neuerlichen verdienstlichen Arbeit kommt Hof-meier wieder zu dem Resultat, dass das Chloroform durch die Förderung desZerfalls der rothen Blutkörperchen den Icterus neonatorum begünstigte. Näheresvergl. Z. f. G. u. G. Bd. VIII. p. 314. 1882.

Ueber das Bromäthyl gehen die Aeusserungen der Fachgenossen, die es selbstversucht haben, sehr auseinander. Einzelne loben dasselbe, schreiben ihm schmerz-stillende Wirkungen zu, ohne die Wehenthätigkeit im geringsten einzuschränken,und ohne das Bewusstsein zu rauben. Andere, besonders P. Müller, fanden andemselben die reizende Eigenschaft hinderlich und den schlechten Knoblauchgeruchder Exspirationsluft unangenehm. Zwei Patientinnen bekamen im WochenbettBronchitis. Bei mehreren war die Schmerzstillung unvollkommen, bei einigen garnicht vorhanden. In einem Fall hatte das Bromäthyl die Wehenthätigkeit be-deutend verzögert.

Die Nachteile wiegen gegenüber Chloroform so vor, dass wohl das letzteredurch dieses Mittel nicht verdrängt wird.