Druckschrift 
Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
220
Einzelbild herunterladen
 

220 Die Chloroformnarkose bei den Geburten.

So recht heimisch ist die Chloroformnarkose bei den geburtshilf-lichen Operationen nicht geworden und wohl hauptsächlich, weil sichdadurch für einen Arzt die Aufgabe und Verantwortlichkeit vermehrt.Einen zweiten Arzt zur Hülfe holen zu lassen, ist aber auf dem Landeausserordentlich schwer. Und doch ist die Narkose in praxi durchzu-führen, meistens auch nicht einmal so schwierig, als es auf den erstenBlick scheinen mag. Nehmen wir einige Beispiele an. Bei einerZangenoperation wird nach Fertigstellung aller Vorbereitungen vomArzt tief chloroformirt, dann ein Zangenblatt angelegt, die Narkosecontrolirt, der andere Löffel erfasst und eingeführt und in den von selbstsich darbietenden Zwischenpausen immer wieder nach der Kreissendengesehen. Bei der Wendung soll die Operation ja nicht begonnenwerden vor dem Eintritt der vollständigsten Anästhesie. Wenn sich dieFrau gleich herumzuwerfen beginnt, sowie man die Hand einführen will,soll man abwarten und erst noch tiefer chloroformiren; denn die halbeNarkose ist hinderlicher als gar keine, während die vollständige Be-täubung die Operation sehr erleichtert. Gewöhnlich beurtheilt man dieAnästhesie danach, ob die Reflexe bei Berührung der Conjunctiva palpe-brarum aufgehoben seien.

Das Einführen der Hand in die Genitalien ist aber noch empfind-licher und deswegen richtet man sich besser nach den Reflexen vonSeiten des Scheideneinganges.

In der Seitenlage, in welcher wir die Wendung zu machenempfehlen, kann der Chloroformbügel auch von einer nicht geschultenHand vorgehalten werden. Doch soll dies nicht lange dauern, denneine Wendung muss in kurzer Frist vollendet sein. Für eine schwereOperation ist, abgesehen von der Anästhesirung, die Aufgabe und dieVerantwortlichkeit des Geburtshelfers so gross und die Situation so ge-fährlich, dass, wo es nur irgend möglich ist, ein zweiter Arzt gerufenwerden sollte. Bei allen anderen Operationen, wie Perforationen, Em-bryotomien und Kaiserschnitten ist die Notwendigkeit einer Hülfe vonCollegen noch dringender.

Um einer plötzlichen und gefahrvollen Asphyxie durch reflec-torischen Glottiskrampf vorzubeugen, soll vor jedem etwas schmerz-haften Eingriff, besonders aber vor jeder Wendung, eine Mundsperre(am besten die von König) eingesetzt werden, damit man eventuellsofort mit einem Finger die Epiglottis und den Zungengrund nachvorn drücken und hervorziehen kann. Niemals vergesse man nach ein-gesetzten Zähnen und künstlichen Gebissen sich zu erkundigen, undniemals lasse man die Kreissende ungefragt, ob sie vor Kurzem etwasgegessen habe. Das Erbrochene bringt für gewöhnlich keine Gefahr,um so weniger, je vollständiger es verdaut war. Dass die übrigenCautelen in Beziehung auf Lungen- und Herzkrankheiten und auf grosseAnämie wie bei Nichtkreissenden zu berücksichtigen sind, versteht sichvon selbst.

Am bequemsten für einen Geburtshelfer möchte ich einen einfachenBügel aus Flanell halten, in welchem ein Schwamm eingenäht ist, ob-