Druckschrift 
Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
219
Einzelbild herunterladen
 

Die Chlorofbrnmarkose bei den Geburten. 219

brauchen nur die Wehenschwäche richtig zu behandeln durch Dar-reichung von Seeale cornutum u. s. w.

Vor allem aber muss für diese Fälle gewarnt werden vor einerzu eiligen Entleerung des Uterus.

Wir geben hier das Resume der Win ck e Pschen Arbeit wieder:

1) Die Chloroformnarkose verlängert bei normalen und abnormen Wehendie Wehenpause, sie verzögert mithin die Geburt.

2) Auch das Höhestadium der Wehen wird durch die Chloroformnarkosenachweislich abgekürzt, was ebenso wohl für normale wie für Krampfwehen gilt.

3) Die Wirkungen des Chloroforms sind bei normalen und abnormen Wehenrasch vorübergehende und wurden Nachblutungen, jedoch nur unbedeutender Art,allein bei den abnormen Wehen, nicht nach Chloroforminhalationen bei normalenWehen gefunden.

4) Bei Krampfwehen beseitigte das Chloroform nur die Schmerzhaftigkeit,ohne die Wehenthätigkeit selbst zu regeln. Nur in einem Fall schien dies zusein. (Es ist eine Wehenregelung seitdem oft beobachtet worden.)

5) Die Chloroformnarkose hat auf das Verhalten der Temperatur weder beinormalen noch bei anomalen Wehen nachweisbaren Einfluss.

Winckel constatirte die Wehenthätigkeit durch Auflegen der Hand auf dieBauckdecken. Es ist freilich dadurch nicht immer möglich, die Spannung derBauchmuskeln und die Contraction des Uterus genau auseinander zu halten. Da-durch erklären sich einzelne untergeordnete Differenzen in den Angaben.

Die zweite Frage, ob das Kind nicht etwa Schaden nehmen könne,ist durch die Thatsache berechtigt worden, dass das von der Mutterinhalirte Chloroform in das kindliche Blut übergeht. (Vergl. meineverschiedenen Publicationen über diesen Nachweis Berl. klin. Wochen-schrift 1874. Nr. 21, Verhandlungen der Naturforscherversammlung inHamburg 1876 und Archiv für Gynäkol. Bd. XII. p. 235.) Der Ueber-gang geschieht als Chloroformgas, indem es aus den betreffenden Flüssig-keiten abdestillirt werden konnte. Die Quantität Chloroform, die beieiner gewöhnlichen Narkose im kindlichen Blute circulirt, ist aller-dings nicht so gross, dass davon eine Schädigung für dieseszu befürchten wäre. Icterus sah ich freilich sehr häufig, und istdiese auffallende Häufigkeit auch erwähnt worden. Darin stehe ich alsodurchaus nicht in einem Gegensatz zu Hofmeier 1 ); Hofmeier weistjedoch diese Häufigkeit unbedingt dem Einfluss des Chloroformes zu,welche Ansicht ich fallen Hess, weil keine grössere Häufigkeit und keinestärkere Intensität des Icterus festzustellen war, als bei anderen Kin-dern unter ähnlichen äusseren Verhältnissen.

Auf keinen Fall war der Icterus von Bedeutung für die Gesund-heit des Kindes.

Bei sehr langer und tiefer Chloroformirung der Mutter kann sichder Einfluss auch auf das Kind erstrecken. Aber für allfällige Asphyxiedesselben kommt die Herabsetzung des Blutdruckes im mütterlichenKreislauf ebenfalls in Betracht, welche im Experimente (bei sehr niedri-gem Blutdruck) den Erstickungstod der Fötus zur Folge hatte (Runge).

*) Virchow's Arch. Bd. 89. p. 493 u. ff.