212 Die Specifität der Ophthalmoblennorrhoea neonatorum.
des Neugeborenen eingeträufelt. Die Erfolge sind vorzüglich. Credesprach schon die Vermuthung aus, dass die Ophthalmoblennorrhoeauf specifischer Grundlage beruhe und ihr Entstehen dem Trippergift,also den von Neisser entdeckten Gonococcen verdanke. Die Unter-suchungen Sattlers bestätigten, dass das Secret der Blennorrhoe jeneCoccen als Reincultur enthalte, Hessen aber die Frage der Specifitätoffen. Die letztere kann aber doch als erwiesen betrachtet werdendurch Versuche, welche ich machte. Als einmal ein Tropfen vomLochialsecret einer sonst ganz gesund scheinenden Wöchnerin, der insAuge eines bis zum 6 Tag gesund gewesenen Kindes kam, eine ex-quisite Ophthalmoblennorrhoe mit ebensolcher Reincultur von Gono-coccen gemacht hatte, konnte unmöglich ein Versuch mit Lochialsecretschlechtweg gewagt werden. Jene Erfahrung schien für Ubiquität derKeime zu sprechen und gab der Vermuthung Raum, dass die Lochienein besonders günstiger Nährboden für jene Coccen seien. Es musstenVersuche gemacht werden mit Lochialsecret, das sicher von Gono-coccen frei war, in dem niemals die Möglichkeit einer Infection be-standen hatte. Ich wagte im festen Glauben an die Specifität der Blen-norrhoe solche Einträufelungen von Lochialsecret vollkommen immunerMütter, worauf die Augen der geimpften Kinder von jeder Entzündungvollständig frei blieben. Gesundes Lochialsecret macht keine Entzün-dung. Dagegen ging aus jenen Versuchen die schon früher von Nög-gerath vermuthete und seither von Neisser vollauf bestätigte Er-fahrung hervor, dass der Gonorrhoe eine ungeahnte Latenz innewohne.Wie sollte sonst ohne diese jenes Kind blennorrhoisch geworden sein?Dies geschah, trotzdem die Mutter nicht das geringste Zeichen von Gonor-rhoe gehabt hatte. Wenn es erwiesen ist, was auch schon Crede ange-nommen hatte, dass die Augenentzündung der Neugeborenen auf speci-fischer Grundlage beruht, so stellt sich die Frage der prophylactischenEinträufelungen in der Privatpraxis doch etwas complicirter. In An-stalten kann bei der viel gewürfelten Kundschaft schon deswegen keineFra^e über die Notwendigkeit und Zweckmässigkeit aufkommen, weilein erkranktes Kind immer leicht zu einem Infectionsherd für alle ge-sunden wird. Aber in der Privatpraxis, besonders auf dem Lande,wird es doch genug Ehen geben, wo man Gonorrhoe ausschliessen, alsodie Prophylaxis entbehren kann. Das ist eine schwer zu entscheidendeFrage, ob die allgemeine Einführung zweckmässig sei. Es müsste dieprophylactische Einträufelung den Hebammen anvertraut werden undmüsste in Kauf genommen werden, dass die leichte, oberflächliche An-ätzung des Bindehautepithels bei ganzen Schaaren von Kindern völligunnöthiger Weise ausgeführt wird, nur damit einige schon inficirte da-durch der Entzündung entgehen. Es ist zwar über die prophylactischeVerwendung einer 2 "joigen Höllensteinlösung bisher noch von keinerSeite eine Schädigung laut geworden, so dass diese Erfahrung für dieallgemeine Einführung spräche. Andererseits ist auch die ausgebrocheneEntzündung bei sofortiger Inangriffnahme der Behandlung fast sicherohne Schädigung zu heilen und ist jetzt die ophthalmologische Schulung