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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
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194
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194 Die Folgen der Dammrisse in späterer Zeit.

Schon um des einen Umstandes willen, dass der Wochen-bettsverlauf leicht durch diese Wunden gestört wird, müssenalle Verletzungen des Dammes wieder vereinigt und alleRisse im Vorhof genau überwacht werden.

Ist die erste Zeit des Wochenbettes vorüber und der Dammriss inGranulation und Vernarbung begriffen, so hat die Gefahr der septischenErkrankung aufgehört. Aber nun treten die secundären Erscheinungenauf. So lange die Vernarbung dauert, haben viele Frauen bei jedemWasserlassen Brennen und Schmerzen, ebenso beim Sitzen, Gehen undStehen.

Im Ganzen genommen spürt die grosse Mehrzahl der Frauen voneinem vernarbten Dammriss, wenn er nicht so gross ist, dass er In-continentia alvi bedingt, nichts mehr. Doch kann derselbe eine Quellevon schmerzhaften und störenden Empfindungen sein. Man sieht übrigensganz das Gleiche auch bei den Narben der Incisionen, welche zur Ver-hütung eines Dammrisses intra partum gemacht wurden. An der be-treffenden Stelle kann sich ein leichtes Brennen oder Jucken einstellen,welches zum Kratzen auffordert und bei der Urinentleerung regelmässigleichte Schmerzen macht.

Der mangelhafte Schluss der Rima vulvae macht sich erst imLauf der Zeit, aber ziemlich bei allen Frauen bemerklich. Sie sindvielfach im Sitzen gestört, empfinden ein Gefühl von Drängen und be-kommen meist eine Hypersecretion der Scheide. Beobachtet man dieVeränderungen, so steht die Rima pudendi hinten ein wenig offen undes drängt ein kleines Divertikel der vorderen Scheidenschleimhaut hervor.

Bei den completen Rupturen sind diese Beschwerden viel stärkerund es gesellt sich noch die Incontinentia alvi hinzu. Selbst in diesenhöchsten Graden wird zwar ein fester Stuhlgang nicht unwillkürlichabgehen, aber dünne Ausleerungen und Flatus. Es ist dies ein Zustand,der jede halbwegs reinliche Frau beinahe zur Verzweiflung bringt.Wenn es dennoch Individuen gibt, die mit dieser Verstümmelung undunbekümmert um die scheusslichen Belästigungen weiter leben, so sindes entweder Frauen von einer kindischen Messerscheu oder — schmutzigeWeiber.

Der Zustand steigt aber ins unerträgliche, wenn auch Inconti-nentia urinae hinzukommt. Wovon diese kommt, ist nicht immer mitSicherheit zu entscheiden. Am wahrscheinlichsten ist sie durch eineLähmung des Sphincter vesicae in Folge langen und heftigen Druckesbei der Geburt zu erklären. Dass sie durch die Zerreissung des M.constrictor eunni bedingt sein könnte, wie Hildebrandt angenommen,halte ich für unwahrscheinlich. Meist geht sie bald wieder vorüber.

Bei einer grossen Zahl der an Dammriss laborirenden Frauenmacht sich langsam auch eine erhebliche psychische Depression geltend,die lebhaft an Dieffenbach's Wort erinnert, „dass Frauen mit Damm-rissen sich innerlich beschämt fühlen wie Castraten". Wahrscheinlicherist aber diese psychische Depression die Folge der beständigen In-anspruchnahme der Psyche von den irritirenden Empfindungen und der