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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
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179
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Die Kreislaufs-Anastomosen in der Zwillingsplacenta. 179

capilläre Kreislauf in dem von beiden Kindern gespeisten Placentar-gebiet wird durch oberflächliche, d. h. an der Fötalfläche des Chorionliegende arterielle und venöse Anastomosen ausgeglichen. Tiefe Anasto-mosen im Capillargebiet der Zotten gibt es nicht (Schatz).

Wo die Anastomosen recht gut ausgleichen, kommt eine im all-gemeinen fast gleiche Entwicklung beider Früchte zu Stande. (Vergl.Schatz, Arch. f. Gyn. Bd. XXIV. p. 337, 365 u. ebd. Bd. XXVII.p. 1 u. ff. mit vortrefflichen Abbildungen der Anastomosen.)

Für die Geburt erfolgt aus dieser Thatsache die Nothwendigkeit,nach der Geburt des ersten Kindes dessen Nabelstrangfest zu unterbinden, damit sich das zweite Kind nichtdurch die Anastomose verbluten kann.

Zwillingskinder sind in der Regel leichter und kleiner. Häufigwerden dieselben auch unreif geboren, wenn sie die Gebärmutter aufsäusserste ausgedehnt haben.

Ist die körperliche Entwicklung ungleich, so birgt solche Asym-metrie für den kleineren, schwächeren Fötus eine grosse Gefahr; dennbei der einmal entstandenen Ungleichheit wird nicht selten der kleinerevom grösseren unterdrückt, zum Absterben gebracht, bis zum Endeder Schwangerschaft von diesem letzteren forternährt und schliesslichmehr oder weniger missgestaltet zu gleicher Zeit geboren. Oft ist derAbgestorbene ganz platt gedrückt (Foetus papyraceus oder compressus).

Die Ungleichheit in der Grösse hatte schon den Eindruck gemacht, als ohder kleinere Fötus noch jünger, also na eher zeugt sei, als der erste schon ge-bildet war (Ueberfruchtung, d. h. Befruchtung, wo eine Frucht schon vorhandenwar, Superfoetatio). Die oben angegebene Wechselbeziehung zwischen zwei asym-metrisch sich entwickelnden Zwillingen, die man vollberechtigt als einen Kampfums Dasein im Mutterleib bezeichnen kann, erklärt die Erscheinung. Einen anderenGrund hätte man aber sonst für die Superfoetatio nicht, wohl aber viele dagegen.Nach der Vereinigung der Decidua reflexa mit der Decidua vera, welche mit ca.12 Wochen complet ist, ist jede weitere Befruchtung ausgeschlossen. Die Möglich-keit bestände also — Regelmässigkeit der Ovulation vorausgesetzt — nur 2mal.Wahrscheinlich sistirt aber die Ovulation ganz.

Ueberschwängerung (Superfoecundatio) d. h. Befruchtung von 2 Eiern — dennauch bei einem Ei ist dies ausgeschlossen — in derselben Ovulationsperiode vonzwei verschiedenen Männern ist auch beim Menschen möglich, aber niemals zubeweisen. Bei Thieren kommt dies vor und ist um der Racenunterschiede willennicht zu leugnen. So ist wiederholt beobachtet worden, dass eine Stute zur Brunst-zeit sowohl von einem Pferdehengst als einem Eselhengst belegt wurde und nach-träglich ein Pferd und ein Maulthier zur Welt brachte. Beim Menschen sind dieRacenunterschiede nie so gross, dass ein solcher Vorgang durch Kreuzung kennt-lich werden könnte, und nehmen bisweilen Kinder aus Ehen zwischen Menschenverschiedener Racen ebensogut ausschliesslich die Eigenschaften von Vater oderMutter an. Uebrigens sind beide Ausdrücke herzlich schlecht gewählt und bedürfenstets einer näheren Erklärung, weil da, wo Schwangerschaft eingetreten, auchimmer eine Frucht vorhanden ist, und umgekehrt.

Die Diagnose einer Zwillingschwangerschaft ist stetseine unsichere Sache. So viel man als Zeichen schon aufgestellt hat,so viele haben schon Täuschungen gebracht.

Den ersten Gedanken an Zwillinge haben auch die Laien bei