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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
173
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Historische Notizen. 173

Geburt mit den Füssen voran öfters weniger Gefahr als die anderen (mit demKopf) haben.

Noch später kehrte eine Zeit grosser Unsicherheit wieder; man gab derschlechten Meinung des Hippokrates wieder mehr Recht. Woher kommt dieserWechsel der Ansichten?

Wir finden noch bei de la Motte bestimmte Angaben, dass man bei tiefim Becken stehendem Steiss gar nichts zu thun brauche — es war zur Zeit derbesten Entfaltung der wiedererfundenen Geburtshülfe bekannt, dass die Kinderauch ohne fremdes Zuthun lebend zur Welt kommen könnten. Aber dieses Wissenscheint später mehr in Vergessenheit gerathen zu sein. Es wurde wieder häufigeroperirt und mehr vom Operiren gesprochen, und dazu kam die Application derZange an den nachfolgenden Kopf, die wegen der längeren Dauer der Operationselten für das Kind günstig endete.

Es war ein wichtiger Fortschritt, dass die Beckenendlagen als normal be-zeichnet und ein conservatives Verfahren anempfohlen wurde. Unter den fran-zösischen Autoren war es besonders Portal, dann der Holländer Deventer,der Schwede van Hoorn und für die englische Schule W. Hunter. Es istnatürlich, dass, nachdem einmal die Thatsaehe zur Anerkennung gekommen, allespäteren conservativen Geburtshelfer sich ihr anschlössen. Unter den Deutschenwar Boer der erste, der dies that, und auf seine Autorität wird deswegen indeutschen Schulen diese Lehre gewöhnlich zurückgeführt,

Boer eiferte gegen das Einschreiten der Kunst, das Drehen und Richtendes Steisses, das Herabholen der Füsse bei Steissgeburten und sprach sichselbst über die bis dahin allgemein gefürchtete Lage mit dem Rücken nach hintendahin aus, „dass die Natur selbst die Schwierigkeiten, die man mit dieser Lageverknüpft glaubte, dadurch vermeide, dass im Forlgang der Geburt, wenn derSteiss den Beckenausgang verlässt, die Bauchfläche sich in der Regel allmählichzur Seite und endlich völlig nach abwärts kehre" l ).

Was den Punkt „Herabholen der Füsse" betrifft, den Boer verpönte, sowar vor ihm der fatale lrrthum alter Zeiten noch nicht ausgemerzt, „dass man dieFüsse anziehe, sobald man dieselben als vorliegenden Theil fühle und zwar ohneZaudern, selbst wenn man sofort dazu die Blase sprengen müsste, bei Knie- undSteisslagen die Füsse herabhole und, wenn der Steiss schon tiefer herabgetretensei, denselben zurückschiebe, um zu den Füssen zu gelangen. Niemals wollte maneine solche Lage unbehelligt gehen lassen, und wenn das unselige Herunterstreckender Extremitäten durchaus nicht gelingen wollte, so musste der Steiss mit Fingernoder Haken herausbefördert werden."

Es hatten zwar P. Portal (1658), Joh. van Hoorn, Deventer (1701),Dionis (1718) sich günstiger über die Beckenendlagen ausgesprochen, aberkeiner bekämpft mit genügender Entschiedenheit die obigen Missbräuche. Selbstde la Motte (1721) und Solayres (1771) machten in ihren Schilderungen jenenMissbräuchen und Irrlehren noch theilweise Cöncessionen. Wir wollen uns andieser Stelle nochmals gegen eine Missdeutung verwahren, welche uns der obenangegebene Rath zugezogen hat, „zu diagnostischen Zwecken, wenn anders keineGewissheit zu erreichen sei, bei hoch über dem Becken stehendem Kindes-theil denselben herunter zu holen, selbst auf die Gefahr hin, dabei einen Fuss indie Hand zu bekommen. Wenn die Diagnose festgestellt ist, hat die streng ex-spectative Behandlung wieder einzutreten, der wir sonst huldigen. Man wird zudiesem Vorgehen selten Anlass haben, aber immer noch besser dies thun, als eineinziges Mal bei ungewisser Diagnose weiter gebären lassen."

Ueber die Geschichte vergl. Nägele, Die Lehre vom Mechanismus d. Ge-burt. Mainz 1838. p. 222.

') Abhandl. u. Versuche geb. Inhalts. III. Th. Wien 1793. p. 34.