158 Diagnose der Gesichtslagen.
Schliesslich sei nicht vergessen, dass auch Hernieephali oderAnencephali sich auffallend häufig in Gesichtslagen zur Geburtstellen. Das ist begreiflich, weil dies ja Missbildungen sind, wo vomKopf nicht viel mehr als das Gesicht übrig geblieben ist. Die genaueUntersuchung der Stirn und das Verfolgen der Stirnnaht ergibt dasFehlen des Schädeldaches.
Die Art der Einstellung ist eigentlich aus dem über die Aetio-logie Gesagten schon zu erkennen. Es muss aber ausdrücklich betontwerden, dass für den spontanen Verlauf einer Gesichtslage nochviel stricter als bei Schädellagen die Rotation des vorausgehendenTheiles nach vorn gefordert werden muss. Das Kinn muss sichnach vorn, unter die Symphyse drehen, sonst ist die Ge-burt nicht möglich. Wir werden später das Vorkommen der Aus-nahmen und deren eigenthümlichen Verlauf erwähnen.
Danach gibt es nur zwei Gesichtslagen, die I. mit nach links,die IL mit nach rechts gerichtetem Rücken. Im wesentlichenverläuft alles analog wie bei Schädellagen, nur ist an Stelle der Pfcil-naht „Gesichtslinie" und an Stelle der kleinen Fontanelle „Kinnspitze"zu setzen. Es entsteht eine ausserordentliche Extension des Halses undeine üeflexionshaltung des Kindes, so dass es wie ein Clown die Wirbel-säule concav nach hinten krümmt. Von besonderer Wichtigkeit istdiejenige Stelle, welche für den Moment des Durchschneidens sich amunteren Schambogenrand anstemmt (Hypomochlion). Es ist nicht dasKinn, so wenig als bei Hinterhauptlagen die kleine Fontanelle, sonderndie Halswirbelsäule und der Kieferwinkel. Dadurch wird derUmfang beim Durchschneiden nur unerheblich grösser als bei Schädel-lagen, und erklärt sich daraus, dass das Durchschneiden meistens nichtschwieriger vor sich geht. Immerhin wird der Damm schon um desrascheren Durchschneidens willen mehr gefährdet als bei Schädellagen.
Geschichtliehe Notiz. Wir folgen hierin den Aufzeichnungen vonH. F. Nägele, Die Lehre vom Mechanismus der Geburt, p. 146 u. ff. und den-jenigen von W. A. Freund in Klin. Beiträge zur Gynäkologie. 2. Heft. Breslau1864. p. 179.
Im allgemeinen kann man sagen, dass vor dem 17. Jahrhundert von denGesichtslagen so gut wie gar nichts bekannt war. Zwar sind aus älteren Autoreneinzelne Stellen zu finden, die auf deren Kenntniss von Gesichtslagen schliessenlassen, so bei Moschion und bei Eucharius Roesslein. (Der Svangeren Frauwenund Hebammen Rosegarten. Strassburg 1513, in 4 Kapiteln.) Eine sichere Kennt-niss verräth Louise Bourgeois, die Leibhebamme der Maria von Medici, GemahlinKönig Heinrichs IV. Sie kennt die Verwechslung mit Steisslagen und kennt diearge Entstellung durch die Gesichtsgeschwulst.
Die sichere Kenntniss beginnt erst mit Mauriceau (1668), der das geburts-hülfliche Orakel seines Jahrhunderts genannt wird. Ihm sind die Gesichtslagennoch etwas sehr Missliches; er empfiehlt Verbesserung der Lage mit der Handoder beim Misslingen die Wendung. Er weiss, das die Gesichtsgeschwulst raschverschwindet. Wenn also von diesem sonst so guten Beobachter noch Eingreifenals Regel empfohlen war, rieth Paul Portal (1685) als erster ein exspeetativesVerfahren an , indem die Vollendung recht gut der Natur zu überlassen sei. Ergibt mehrere spontan verlaufene Fälle in seinen Observationes an. Er warnt auchzur Vorsicht beim Touchiren, weil man sich sonst in die Augenhöhle eingraben