Das untere Uterinsegment. 135
gerade die Bildung des Geburtskanales schwieriger und langsamer er-folgt, weil die Durchgangswege erst ausgedehnt werden müssen, sollteman aus Analogie auch schliessen dürfen, dass gerade der innere Mutter-mund der Erstgebärenden unnachgiebiger sein werde, als derjenige beiFrauen, die schon eine Geburt überstanden haben. Da die Thatsacheneiner solchen Anschauung geradaus widersprechen, sind wir gezwungen,die Ursache für diese Erweiterung in einer Unnachgiebigkeit des oberenTheils des Gebärmutter-Hohlmuskels zu suchen. Wir dürfen darausschliessen, dass die Eröffnung des inneren Muttermundes, wenn nichtallein bedingt, doch immerhin wesentlich dadurch begünstigt wird, dassder Gebärmutterkörper bei Erstgebärenden mehr gehindert ist, in dieBauchhöhle hinaufzusteigen, als bei Mehrgebärenden. — Ich denke dabeiganz besonders an eine grössere Starrheit der Ligamenta rotunda uteriund an die grössere Straffheit der Bauchdecken.
Damit hängt zusammen, dass auch der Kopf bei Erstgebärendentief in das Becken hineingetrieben wird, bei Mehrgebärenden dagegenbis zum Wehenbeginn beweglich über dem Beckeneingang zu stehenpflegt.
Auch bei übermässiger Grösse des Eies (Hydramnion und Zwil-linge) kommt eine frühzeitige Entfaltung des Cervicalkanales schonwährend der Schwangerschaft zu Stande.
Die Wirkungsweise der Uteruszusammenziehungen ist schematischin zwei Componenten zerlegt worden: den allgemeinen innerenUterusdruck und den Fruchtaxendruck (Schatz).
Bei dieser theoretischen Auseinandersetzung herrschte die Vor-stellung, dass die Gebärmutter unter den Wehen Kugelform annehmenmüsse, weil diese dem kleinsten Raum entspricht.
Das Bestreben des Uterus würde eine Verkürzung der Uterus-längsaxe bedingen. Diese ist aber nicht möglich, weil die Annäherungdes Fundus an den Muttermund durch das in utero befindliche Kindgehindert ist. So führt das Bestreben Kugelform zu gewinnen, dieGebärmutter zur Ausübung eines Druckes auf den Kindeskörper.Danach würden Formrestitutionskraft des Uterus und Fruchtaxendruckidentisch werden.
Da jedoch das Kind auch von den Seiten her gepresst wird 1 ),gleicht sich die Krümmung der Wirbelsäule aus; es wird gestreckt,die Fruchtaxe länger. Dadurch würde die Erscheinung erklärt, dasswährend der Contractionen die Uteruslängsaxe thatsächlich grösser wird.
Anmerkung. Man gestatte uns aber bei dieser Gelegenheit die Frage:muss denn der menschliche Uterus unter allen Umständen, gleichviel welches seineMuskelanordnung und seine Form sei, der Kugel form zustreben, nur weildiese den grössten Inhalt im kleinsten Raum zu fassen vermag?
Muss denn ein Hohlmuskel, gleichviel welches seine Faseranordnung sei, beider Contraction zur Kugel werden?
Die Harnblase thut dies bis zu einem gewissen Grad. Aber sie hat auch
') Während ein normales Kind in der natürlichen Haltung vom Kopf zumSteiss etwa 25 cm misst, wird die Uterusaxe während der Geburt 31 cm.