134 Das untere Uterinsegment.
Stein-Röderer'sche Lehre, dass der Cervicalkanal in der letztenZeit mit verbraucht werde zur Uterus höhle und dass der vor-liegende Kindestheil in den erweiterten Cervicalkanal vorrücke.Aber diese Lehre war falsch. Das sogenannte Verstreichen der Portio vaginalisist nur Folge der Schwangerschaftshypertrophie der Scheidenschleimhaut und hatim Grund mit dieser Frage, zu welcher sie zwar den Anstoss gab, gar nichtszu thun.
Dass jene Lehre falsch sei, bewiesen zunächst anatomische Untersuchungen.Solche, die gar nicht mit der Lehre von Bö derer (1753) und Stein demAelteren (1770) übereinstimmten, waren schon von vorangegangenen Anatomenbekannt gemacht worden: Regner de Graaf (1671), Verheyen (1710), Weit-brecht (1750).
Aber diese Angaben wurden übersehen, und es brauchte neue Beweise, eheman anderer Ueberzeugung wurde. Es waren Stolz (1826) und Duncan (1884),die an Leichen fanden, dass der Cervicalkanal in der Schwanger-schaft eher verlängert als verkürzt sei und der innere Muttermundbis zum Beginn von Contractionen verschlossen bleibe. Jetzt folgtenauch klinische Beobachtungen von Spiegelb erg, Peter Müller und Lott,welche auf Grund von Messungen an Lebenden dieses Verhalten der Cervix be-stätigten.
Als nach scheinbar vollständigem Abschluss dieser Streitfrage B a n d 1von neuem die Frage berührte und darauf hinwies, dass über dem sogenannteninneren Muttermund der bisherigen Autoren noch ein Muttermund liege, und dassdie zwischenliegende Zone (unteres Uterinsegment) ein Theil desCervicalkanals sei, da wurde noch einmal durch anatomische Untersuchungender Ausschlag gegeben.
Befand sich in der Zone zwischen dem inneren Muttermund der altern Au-toren und diesem von Bandl neugefundenen, höher liegenden Ring Cylinder-epithel, wie es dem Cervicalkanal bekanntermassen zukommt, so fiel die Entscheidungfür Bandl's Ansieht aus. Nun haben (mit Ausnahme von Band], Breus undChiari), Küstner und Marchand (dieser letztere nur theilweise zustimmend)und alle übrigen Autoren, soweit sie sich auf Untersuchungen einliessen, in dieserZone Decidua vera, also umgeänderte Corpusschleimhaut gefunden. Unstreitigweist dies darauf hin, dass diese Dehnungszone zum Gebärmutterkörper undnicht zum Cervicalkanal gehört. Eine verdünnte Zone existirt, und wenn sichderen Schleimhaut als Decidua erwies, so hat doch Bandl ein Verdienst, aufjenen höher liegenden Ring aufmerksam gemacht zu haben. Die ganze Dehnungs-zone wird bedingt durch Uteruscontractione.n, die ja zahlreich schon in derSchwangerschaft vorkommen, ohne immer empfunden zu werden. Durch dieseZusammenziehungen und durch das stärkere Eintreten des vorliegenden Theilesin die Höhle des kleinen Beckens, kommt eine theilweise Eröffnung des Cervical-kanals bei Erstgebärenden gelegentlich vor. Der höhere Ring, auf welchen Bandlaufmerksam machte, ist eine Retraction der oben beschriebenen Uterusmuskulaturund darum von Schröder Contractionsring genannt worden. Bei Blasen-mole, wo gar kein fester Kindestheil existirt, bildet sich auch diese Dehnungszonenicht, und im Wochenbett rückt durch Verdichtung der Muskulatur im unterenUterinsegment der Contractionsring meist schrittweise tiefer, bis er mit dem innerenMuttermund wieder zusammenfällt. Gerade die Untersuchungen am puerperalenUterus haben erst recht bestätigt, dass diese Dehnungszone, unteres Uterinsegmentgenannt, zum Gebärmutterkörper gehört.
Die klinischen sowohl als auch die anatomischen Untersuchungenhaben nun ergeben, dass die Erweiterung des inneren Muttermundes beiErstgebärenden früher und regelmässiger erfolgt, als bei Mehrgebärenden.Gerade bei diesen letzteren bleibt der Cervicalkanal eher bis zum Be-ginn der Wehen unverändert erhalten. Da bei den Erstgebärenden