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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
116
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\\Q Diagnostik der Schwangerschaft.

1) Colostrum in den Brüsten. Dieses aber nur, falls es sichum eine Primipara oder eine Multipara nach recht langer Zwischen-pause seit der letzten Geburt handelt.

2) Die weinhefenartige Färbung der Vaginalschleimhaut.

3) Die Vergrösserung der Gebärmutter. Säxinger betontnächstdem besonders noch die secundäre Areola am Brustwarzenhofund Hegar die Auflockerung und Erweichung des supravaginalen Theilesdes Uterus, des unteren Gebärmutterabschnittes. Die secundäre Areolaist ein zweiter, blassgelber bis gelbbrauner Ring um den dunkel pig-mentirten Warzenhof, in welchem eine grössere Zahl hellerer, linsen -grosser Flecken liegen. Dieses Zeichen entwickelt sich nur bei brü-netten Frauen und meist erst nach der 20. Woche.

Wir legen ganz besonderen Werth auf das Vorhandensein vonColostrum, überhaupt auf Schwellung und Zunahme der Brustdrüsen.Doch habe ich selbst erlebt, dass eine Nullipara, die sehr corpulentwar, etwas Colostrum in der Brust, hatte und, wie sich im späterenVerlauf ergab, doch nicht schwanger war. Das Zeichen ist also nichtuntrüglich solche gibt es für diese Zeit überhaupt nicht.

Um das Colostrum auszupressen, muss die Brust mit beiden Händenumfasst und zunächst auf den Drüsenkörper ein concentrischer sanfterDruck ausgeübt und leicht gegen den Warzenhof gestrichen werden.

Das zweite Symptom, die weinhefenartige Färbung, gewährtbei normalem Blutgehalt noch grössere Gewähr. Die Farbe ist jedochim ersten und zweiten Monat nicht immer scharf charakteristisch.

Die Vaginalschleimhaut hat gewöhnlich je nach Blutarmuth oderBlutreichthum eine ähnliche Färbung wie Lippen und Zahnfleisch. Amdeutlichsten tritt deren Veränderung hervor, wenn man durch Einsetzeneines Simon'schen Speculums den Harnröhrenwulst und die vordereScheidenwand sichtbar macht und nun mit der Mundschleimhaut ver-gleicht.

Die Färbung ist fast nur dann wenig ausgesprochen, wenn es sichum blutarme Personen oder um die ersten 8 Wochen handelt (vergl.das Farbendruckbild auf S. 88). Eine Vergrösserung des Uterusgibt dann einen sicheren Anhalt für Gravidität, wenn ein Arzt durchUntersuchung dieselbe schrittweise verfolgen kann; aber auch dann,wenn man prima vista einen ziemlich tief im Becken stehenden Uterusvorfindet, der in ganzer Länge dem vorderen Scheidengewölbe aufliegtund durch combinirte Untersuchung sich als vergrössert ergibt, mussdieser Befund die Aufmerksamkeit stets auf Schwangerschaft lenken.

Es ist dies ein Befund, der dem zweiten bis dritten Monat zu-kommt; es möge sich dies jeder Arzt genau einprägen, um nicht durchfalsche Richtung des Gedankenganges auf Lageveränderung, insbesondereAnteversio und Antefiexio gebracht zu werden und darob die Möglich-keit einer Schwangerschaft aus dem Auge zu verlieren. Der falscheGedankengang verleitet leicht zum Gebrauch der Uterussondeund wehe, wenn nicht pedantisches Festhalten an bestimmten Grund-sätzen im rechten Moment Einhalt gebietet! Die Folge ist ein Abortus.