Die indirecten Beweise der fötalen Respiration. 67
Nicht ohne Interesse ist die Entwicklung der Lehre über die Respirationdes Fötus.
Der Standpunkt der alten Hippokratischen Schriften galt durch das Mittel-alter so ziemlich wie ein Kanon. Erst nach der Entdeckung des Blutumlaufes hätteein erspriesslicher Fortschritt erwartet werden können. Aber er kam nicht, undgerade an den zweiten Entdecker des Blutumlaufes, Harvey, knüpft sich dieIrrlehre an, dass der Fötus aus dem Fruchtwasser sich nähre. Als Mayow imletzten Jahrhundert beim Zuklemmen des Nabelstranges bei dem im Fruchtwasserschwimmenden Fötus Athembewegungen sah, Hess man gar den Unsinn zu, dassdas Fruchtwasser zur Atbmung diene. Erst nach der Entdeckung des Sauerstoffeskamen bessere Ansichten und vollständig correcte Untersuchungen, aber ohnepositives Resultat. Schütz und Autenrieth öffneten trächtigen Thieren dasAbdomen und den Uterus und Hessen die Jungen noch mit den unversehrtenPlacenten in Verbindung. Es war kein Farbenunterschied zwischen dem Blute derNabelvene und der beiden Arterien zu sehen. Johannes Müller kam, weilauch ihm die gleichen Experimente nicht den erwarteten Farbenunterschied zeigten,ganz davon zurück, dass der Fötus eine Athmung habe, was dann bald nachhersoweit missverstanden wurde, dass spätere Autoren den Fötus „als ein Organder Mutter" betrachteten.
Litzmann (in Wagner's Handwörterbuch der Physiologie) opponirte zuersthiegegen und trat mit Entschiedenheit für eine selbständige Respiration der Fruchtein. Kr ahm er und insbesondere Schwartz brachten schlagende Gründe fürselbständige Oxydationen. Schwartz war es, der auf die Bedeutung der Ham-stoffproduction und der Bewegungen als sichere Zeichen eines selbständigen Lebensund selbständiger Oxydationen des Kindes hinwies und damit das besondere Sauer-stoff bedürfniss und die Sauerstoffathmung des Fötus, begründete.
Bei meinen Versuchen und dem Einsenken der trächtigen Thiere in ein er-wärmtes Kochsalzbad Hess sich durch Luftabschluss und künstliche Athmung desMutterthieres die Farbe des Nabelvenenblutes in wenig Minuten von dunkel-roth bis hellroth ändern. Auffallend war das relativ sehr rasche Aufzehrendes Sauerstoffes bei Asphyxie der Mutter, was nach weitern Experimenten vonZuntz theilweiso durch Diffusion des Sauerstoffes nach rückwärts ins mütter-liche Blut erklärt wurde. Bisweilen lebten die Jungen noch länger und einzelneetwas über 10 Minuten fort, wenn denselben der Nabelstrang vollständig ab-geklemmt war.
Die selbständigen Oxydationen des Fötus müssen auch entsprechendeWärniebildung mit sich führen, und da der Fötus vor allen Wärme-verlusteu bewahrt ist, durfte man mit vollstem Recht bei demselbeneine höhere Wärme als bei der Mutter erwarten. Die ersten mangelhaften
von A. Schmidt ausführlich erschien (Sammlung physiologischer Abhandlungenvon W. Preyer, Bd. I, Jena 1877, mit Vorwort vom Februar 1876), war meineArbeit längst erschienen. Schon im Februar 1876 lag sie gedruckt vor. Der Dar-stellung Preyer's gegenüber bin ich im vollen Recht mich zu wehren. MeineArbeit ist etwas Anderes als eine Bestätigung jenes Satzes von A. Schmidt, weilmeine Untersuchungen mit ganz anderen und selbständigen Methoden vorgenommenwurden und die von Schmidt geübte Methode, als ich über die Respiration desFötus arbeitete, nicht publicirt war. Von den Versuchen im warmen Kochsalz-bad ist in der Sammlung physiologischer Abhandlungen von Preyer kein Wortgesagt. Also waren solche Experimente damals noch nicht ausgeführt. Trotzdemist die Darstellung Preyer's in der „speciellen Physiol. des Embryo, 1885", so ge-halten, dass man daraus entnehmen kann und auch entnommen hat, dass er dengleichen Versuch gleichzeitig oder sogar früher als ich angestellt habe. Ich habebis jetzt geschwiegen, weil ich solchen Erörterungen so viel als möglich aus demWege gehe.